Erster Vortrag
Wir wissen, daß des Menschen Seelenwesen gegliedert uns erscheint in die Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemütsseele und die Bewußtseinsseele. Wir wissen, daß in diesen drei Seelengliedern arbeitet, so wie es in der «Theosophie» beschrieben ist, das Ich des Menschen. Nun geht in der menschlichen Natur wirklich viel vor sich, das nicht so, wie es vor sich geht, ins Bewußtsein hereindringt. Gerade die geisteswissenschaftliche Erkenntnis kann allmählich dazu führen, daß vieles, was in den Tiefen der menschlichen Seele liegt, beleuchtet wird von dem Lichte des Bewußtseins. Aber wenn so die Menschenseele hinlebt, so beleuchtet sie gleichsam nur einen kleinen Teil des gesamten Seelenhorizontes, und unter diesem Horizont liegt vieles, was tiefe, tiefe Bedeutung für die Seele hat, aber nicht für das gewöhnliche Leben bewußt wird, was gewissermaßen viel bedeutsamer ist für die menschliche Seelengestaltung als das, was bewußt ist. Vor allen Dingen wollen wir jetzt unseren Blick werfen auf etwas, was gewöhnlich nicht zum Bewußtsein kommt. Für den heutigen Menschen ist es sogar recht heilsam, daß das nicht zum Bewußtsein kommt. Wir werden aber später sehen, daß das nicht immer für alle Menschen so war. Wenn nur ein wenig sich das gewöhnliche Alltagsbewußtsein des Menschen vertiefen würde und würde heraufholen können, was, ich möchte sagen, nur um einen Grad unbewußter ist als das gewöhnliche Bewußtsein, dann würde die Menschenseele sehr bald dahinterkommen, daß sie die Dreiheit ist, von der gesprochen worden ist, daß sie wirklich nicht so ohne weiteres eine Einheit ist, sondern eine Dretheit. Ich habe angedeutet in der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?», daß, wenn der Mensch anfängt vorzurücken gegen die geistigen Welten zu, er gleichsam auseinanderfällt in eine Dreiheit. Und sobald man nur, wie gesagt, ein wenig hereinblickt in den gleichsam zugedeckten Teil des Bewußtseins, so merkt man sehr bald, daß diese Dreiheit von Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele da ist. Unter der Schwelle des Bewußtseins — und zwar gar nicht besonders tief für den gegenwärtigen Menschen - ist wirklich eine Art von Seelenreich, das durchsetzt wird nicht von einer Einheit, sondern von einer Art Dre:heit, von dem Hereinstrahlen dieser Dreiheit, so daß in dem Augenblick, wo der Mensch zurückdrängt das, was er im Grunde genommen erst so völlig seit der zweiten Hälfte der vierten nachatlantischen Periode erlangt hat und so ganz klar erst nach dem Beginn des fünften nachatlantischen Zeitraums, sobald also der Mensch das zurückdrängt, kann er genau zwischen drei Welten oder Gebieten in seiner Seele unterscheiden. Das eine Gebiet ist ein solches, das mehr inspiriert wird, in welches traumhafte, träumerische Inspirationen hineinkommen. Das zweite Gebiet ist das, durch welches der Mensch gleichsam sich selbst durchseelt, auferbaut in den physischen Teilen. Und das dritte Gebiet ist das, wo er das Bewußtsein von der Welt erhält.
Cite:
GA 158/1914-11-09/p004 · edition original