Die Welt als Ergebnis von Gleichgewichtswirkungen. Vierter Vortrag
Und nun verfolgen Sie, was Faust alles macht, damit er den Luzifer in sich hereinbekommt, damit er den Ahriman, den Mephisto neben sich bekämpfen kann. Das alles zeigt uns, inwiefern wirklich dieser Faust der umgekehrte Ödipus ist. Während alles dasjenige, was durch die umgekehrte Ahrimannatur in Ödipus geschieht, in Zusammenhang steht mit Luzifer, steht alles dasjenige, was durch die umgekehrte Luzifernatur in Faust geschieht, in Zusammenhang mit Ahriman-Mephisto. Wie Ahriman-Mephisto mehr in der äußeren Welt lebt, so lebt Luzifer mehr in der inneren Welt. All das Unglück, das Ödipus dadurch trifft, daß er sich mit der Ahrimannatur durchdringen muß, besteht in äußeren Dingen. Über das Geschlecht kommt Verhängnis, nicht bloß über ihn selber. Und auch das Verhängnis, das über ihn selber kommt, ist äußerlich angedeutet. Daß er sich die Augen durchsticht und sich blendet, das sind auch äußere Dinge. Daß die Pest kommt über seine Vaterstadt, ist etwas Äußeres. Alles, was bei Faust auftritt, sind innere Seelenerlebnisse, ist ein Tragisches in des Menschen Inneren, so daß Faust sich auch hier als der umgekehrte Ödipus darstellt.
Cite:
GA 158/1914-11-20/p039 · edition original