Das intime Element der mitteleuropäischen Kultur und das mitteleuropäische Streben
In schweren, schicksaltragenden Tagen leben wir. Und was diese schicksaltragenden Tage uns Erdenmenschen bringen werden, dem sehen noch recht wenig Seelen mit voller Zuversicht entgegen, und vor allen Dingen ist die Bedeutung dessen, was sich durch die Geschehnisse dieser Tage ausspricht, nicht mit voller Kraft in den Seelen sprechend. Gerade diejenigen aber, welche versuchen, sich als Menschenseelen immer mehr und mehr hineinzuleben in das, was als Impulse einverleibt werden soll der Menschenkulturentwickelung, der geistigen Kulturentwickelung durch die Forderungen der Geisteswissenschaft, sollten mit ihrem tiefsten Empfinden, mit ihrem tiefsten Fühlen sich verbunden wissen dem, was sich auf der einen Seite so groß und gewaltig und auf der andern Seite so schmerzvoll, so traurig um unsere Seelen herum abspielt. Was sich vollzieht, ist ja etwas, was nicht nur der Art, sondern auch dem Grad nach im Grunde beispiellos ist innerhalb der bewußten Geschichte der Menschheitsentwickelung, was tief eingreifend und tief einschneidend ist in alles Leben der Erdenentwickelung. Und man braucht sich nur einmal vor die Seele zu führen, was es heißt - und das ist ja heute bei jedem Menschen der europäischen und auch vieler Teile der andern Erdenbevölkerung der Fall -, mitten darinzustehen in dem Gang der so bedeutsamen Ereignisse, um zu fühlen, daß dies gerade eine Zeit ist, nicht nur im eminentesten Sinne geeignet, sondern auch im eminenten Sinne fordernd, daß die Seele sich frei macht und immer freier mache von dem bloßen Leben innerhalb des eigenen Selbstes, innerhalb des eigenen Ich, und mitzuleben versuchen sollte, was als ein gemeinsames Geschick durch die Menschheit geht. Vieles wird die Seele in unserer Gegenwart lernen können, wenn sie sich in der rechten Weise zu verbinden weiß mit dem Strom der Ereignisse. Und von vielem Engherzigen und Egoistischen wird sie frei kommen können, wenn sie dies zu tun weiß. Gehen doch so große, so gewaltige Dinge vor, daß fast jedes Denken an sich selbst in dieser unserer Zeit als ein Raub erscheinen muß, den unsere Seele begeht an dem Leben mit den allgemeinen Geschicken.
Cite:
GA 159/1915-03-07/p003 · edition original