Das intime Element der mitteleuropäischen Kultur und das mitteleuropäische Streben
Aber die Dinge liegen ja noch viel, viel tiefer. Wenn man von Einkreisung spricht, muß man sagen: Was sich in der Einkreisung der mitteleuropäischen Mächte in der letzten Zeit vollzogen hat, das ist die letzte Etappe, der letzte Schritt einer Einkreisung Mitteleuropas gewesen, die begonnen hat vor langer, langer Zeit, die schon im Jahre 860 begonnen hat. Damals, als vom Norden Europas diejenigen Menschen heruntergezogen sind, welche im Jahre 860 als Normannenbevölkerung vor Paris standen, zog ein Teil der Kraft, welche sich in Europa ausleben sollte, im Westen Europas in die romanische Strömung hinein, die den Westen Europas vom Süden herauf überflutet hatte. Wir haben einen Strom von Menschenkräften, der so verläuft, daß er sich von Rom über Italien und Sizilien über das heutige Spanien und durch das heutige Frankreich ergießt. Und die Normannenbevölkerung, die von Norden herunterzieht und 860 vor Paris steht, wird überflutet von dem, was von alten Zeiten her als romanische Strömung gekommen ist, und geht in dieser romanischen Strömung unter. Dasjenige, was an Kraftvollem in dieser Strömung ist, rührt davon her, daß die normannische Bevölkerung darin untergegangen ist. Was aber an Fremdem gegenüber der mitteleuropäschen Kultur im Westen aufgegangen ist, rührt von dem eingeflossenen romanischen Strome her. Dieser romanische Strom hat ja nicht etwa im heutigen Frankreich haltgemacht, sondern er erwies sich durch die dogmatisch rationalistische Art, durch seine Hinneigung zu materialistischer Denkungsweise mächtig, nicht nur Frankreich zu überschwemmen, sondern als dann die Normannen wiederum nach den heute angelsächsischen Ländern hinüber die Hand ausstreckten, war es das Maßgebende, daß dort zu dem Angeltum, dem Sachsentum das hinzukam, was nicht die Normannen gebracht haben von Norden nach Süden, sondern das, was sie vom Süden her aufgenommen haben. Auch im britischen Element ist es das romanische Element, das dadurch dem mitteleuropäischen Wesen eigentlich ohne Verständnis gegenübersteht. Und dieses vom romanischen Element durchsetzte normannische Element hat dann seinen Zug weiter fortgesetzt über die griechischen Küsten herunter bis nach Konstantinopel. So daß wir einen Fluß normannisch-romanischer Kultur sich herunterziehen sehen vom europäischen Norden nach dem Westen hin, schlangenförmig Mitteleuropa umkreisend, bis nach Konstantinopel herüber die Fangarme ausstreckend. Den andern Zug, der von Norden herunterging, sehen wir nach dem Osten fließen und in das slawische Element eindringen. Die ersten Normannenzüge wurden von der damals in weiter Ausbreitung im heutigen Rußland lebenden finnischen Bevölkerung «Ros» genannt, wovon der Name Russen gekommen ist, der also anklingt an die Benennung, welche die Finnen der normannischen Bevölkerung gegeben haben. Wir sehen diese nordischen Völker sich hineinerstrecken in das slawische Element, immer weiter in das slawische Element vordringend, und gleichzeitig mit dem Zeitpunkt, an welchem die Normannen 860 vor Paris standen und da ihre Romanisierung begann, sehen wir das normannische Element hineintauchen in den slawischen Strom und auf der andern Seite bis über Kiew und bis nach Konstantinopel herunterziehen. Und der Kreis ist geschlossen! Es ziehen von Norden herunter die normannischen Kräfte auf der einen Seite nach Westen, sich romanisierend, auf der andern Seite nach dem Osten, sich slawisierend, und sie stoßen zusammen vom Osten und vom Westen aus in Konstantinopel. Und in Mitteleuropa ist wie in ein Kulturbecken eingeschlossen dasjenige, was zurückgeblieben ist in dem von dem alten Keltentum befruchteten, ursprünglichen Germanentum, das dann in der verschiedensten Nuancierung in der Bevölkerung, die sich als deutsche, als holländische, als skandinavische Bevölkerung geltend macht, als Element ausgesprochen vorhanden ist. So sehen wir, wie alt diese Einkreisung ist.
Cite:
GA 159/1915-03-07/p005 · edition original