Das intime Element der mitteleuropäischen Kultur und das mitteleuropäische Streben

GA 159/1915-03-07/p006 ·1915-03-07 · original (original)
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In diesem Mitteleuropa bereitet sich nun vor, was wir nennen können eine intime Kultur, eine Kultur, welche niemals imstande war, so zu verlaufen, wie die Kultur im Westen oder die Kultur im Osten, sondern welche ganz anders verlaufen mußte. Wenn wir vergleichen, was sich in Mitteleuropa an Kultur entwickelt hatte, mit demjenigen, was im Westen sich entwickelt hat, so müssen wir sagen, im Westen entwickelte sich -— und das kann aus dem kleinsten und aus dem größten Zuge dieser Kultur ersehen werden - eine Kultur, deren Grundcharakter von den britischen Inseln über Frankreich, Spanien, bis nach Sizilien, Italien hinein und bis nach Konstantinopel hinüber zu verfolgen ist. Da entwickelte sich als Grundzug der Kultur ein gewisser Dogmatismus, ein Rationalismus, eine Sehnsucht, all dasjenige, was man an Erkenntnissen bekommt, in einfache rationalistische Formeln zu kleiden. Es entwickelte sich ein Trieb, die Dinge so zu sehen, wie Verstand und Sinnlichkeit sie sehen müssen. Es entwickelte sich der Trieb, alles zu vereinfachen. Nehmen wir einen Fall, der uns als Bekenner der Geisteswissenschaft naheliegen kann, die Gliederung unserer Menschenseele in drei Glieder: Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele. Die Menschenseele kann in Wirklichkeit nur begriffen werden, wenn man weiß, daß sie aus diesen drei Gliedern besteht. Ebensowenig wie das Licht begriffen werden kann, ohne die Farbennuancen in ihrem Ursprung aus dem Licht zu erkennen, und ohne daß man weiß, es gliedert sich in die verschiedenen Farbennuancen, die wir im Regenbogen sehen, auf der einen Seite die roten, die gelben Strahlen, auf der andern Seite blau, grün, violett, und wenn man das nicht weiß, kann man nicht als Physiker das Licht studieren, ebensowenig kann man die menschliche Seele studieren, was unendlich wichtiger ist; denn jeder soll ein Mensch sein und jeder soll von der Seele Bescheid wissen. Wer in seiner Seele selbst nicht fühlt, daß diese Seele sich auslebt in den drei Gliedern: Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele, Bewußtseinsseele, der wirft alles in der Seele durcheinander. Wir sehen es an den modernen Universitätspsychologen, wie sie alles in der Seele durcheinanderwerfen, so wie man die Farbennuancen des Lichtes einfach durcheinanderwirft; und sie dünken sich in ihrem ungeheuren Hochmut, ihrem wissenschaftlichen Übermut ganz besonders gelehrt, wenn sie alles im Seelenleben durcheinanderwerfen, während man die Seele wirklich nur erkennen kann, wenn man imstande ist, diese Dreigliederung der Seele wirklich zu wissen.

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