Das intime Element der mitteleuropäischen Kultur und das mitteleuropäische Streben
Man muß also wissen, sagte ich, daß die menschliche Seele aus diesen drei Gliedern besteht, besser gesagt, daß das menschliche Selbst durch diese drei Seelennuancen wirkt, wie das Licht durch die verschiedenen Farbennuancen, vorzugsweise in den drei Reichen: Mineral-, Pflanzen-, Tierreich. Dann wird man darauf kommen, daß der Mensch, indem er diese drei Seelennuancen hat, jeder dieser Seelennuancen ein großes Ideal zuerteilen kann und im menschlichen Fortschritt zuerteilen muß, daß das Ideal dieser Seelennuancen ein großes Ideal ist, aber jedes dieser Ideale ist eben da für eine der Seelennuancen, nicht für die ganze Seele. Und nur dann, wenn sich die Menschen durch die Geisteswissenschaft dahin bringen lassen, daß sie den einzelnen Seelengliedern ihre entsprechenden Ideale zuerkennen, wird das eintreten, was das eigentliche Ideal des Menschenheiles und des harmonischen Zusammenlebens der Menschen auf der Erde sein kann. Denn der Mensch muß anstreben, für dasjenige, was vorzugsweise mit seiner Empfindungsseele zusammenhängt, für dasjenige, was er gewissermaßen auslebt im Umfang des physischen Planes, ein anderes Seelenideal zu haben als das, was er auslebt durch die Verstandes- oder Gemütsseele, und wiederum ein anderes Ideal für dasjenige, was er auslebt durch die Bewußtseinsseele. Durch das eine dieser Ideale wird das eine Seelenglied veredelt, durch das andere wird das andere Seelenglied veredelt. Wenn man das eine Seelenglied insbesondere durch die Brüderlichkeit der Menschen untereinander auf der Erde ausbildet, muß man das andere ausbilden durch die Freiheit, das dritte durch die Gleichheit. Diese drei Ideale beziehen sich jedes auf ein Seelenglied. Im Westen Europas wurde das alles durcheinandergebuttert, und es wurde durch die Rationalisten vereinfacht, durch diesen Rationalismus, der alles in glatten Formeln, in glatten Dogmen haben will, der alles verstandesklar haben will. Durch diesen Dogmatismus wurde die ganze Menschenseele einfach als eine genommen und von Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit gesprochen. Da sehen wir, wie im Westen ein Grundnerv der Rationalisierung der Kultur darinsteckt. Und so könnten wir es bis in die Einzelheiten hinein nachweisen. Es können zum Beispiel gerade feingebildete Franzosen sich darüber aufhalten, wenn, sagen wir, in meinen Mysteriendramen die Sprache so gewählt ist, daß sogar fünffüßige Jamben, aber keine Reime verwendet sind. Der französische Geist kann das nicht begreifen, daß die innere Triebkraft der Sprache auf dieser Stufe den Reim nicht brauchen kann. Er strebt nach Systematisierung, nach dem, was äußerlich eine Umrahmung bildet, und er sagt: Verse kann man doch ohne Reim nicht machen!
Cite:
GA 159/1915-03-07/p008 · edition original