Das intime Element der mitteleuropäischen Kultur und das mitteleuropäische Streben
So ist es aber auch mit dem äußerlichen Leben, so ist es mit allem. Man muß im Westen gliedern, systematisieren, man muß alles hübsch einschachteln. Bedenken Sie doch nur einmal, was für eine furchtbare Sache es war, wie im Beginn unseres geisteswissenschaftlichen Strebens dadurch, daß viele unserer Freunde noch beeinflußt waren von der englischen theosophischen Richtung, man in jedem Zweig, in den man kam, immer wieder alle möglichen Systeme auf Karten, Tafeln und so weiter aufgeschrieben finden konnte, oben, hübsch angeordnet: Atma, Buddhi, Manas, dann alle möglichen Dinge der Quere und der Länge nach, die man so systematisiert und eingeschachtelt hat. Bedenken Sie, wie man sich unter das Joch dieses Dogmatismus gebeugt hat und wie schwierig es war, die inneren Entwickelungsmethoden an seine Stelle zu setzen, wie wir sie in Mitteleuropa haben müssen: daß das eine aus dem andern hervorgeht, daß Begriffe im inneren Erleben vorwättsschreiten! Das Systematisieren, diese Eselsbrücken des Geistes, die alles in ganz bestimmte Formeln bringen, kann man nicht brauchen. Was hat es für Mühe gekostet, zu zeigen, daß man es zu tun hat mit einem Übergehen des einen in das andere, mit einem folgemäßigen Gliedern und Vorwätrtsschreiten, mit einem lebendigen organischen Gestalten! Ich könnte diese Schilderung auf alle Zweige des Lebens ausdehnen, doch da würden wir tagelang zusammenbleiben müssen.
Cite:
GA 159/1915-03-07/p009 · edition original