Das intime Element der mitteleuropäischen Kultur und das mitteleuropäische Streben
An unserer Geisteswissenschaft bemerkt man das heute noch nicht völlig, weil gestrebt werden muß, wenn auch nicht nach begrifflicher Systematik, so doch nach Begriffen der Entwickelung. Man merkt noch nicht, daß alles, was da angestrebt wird, nicht nur Kopfschauen ist, sondern daß überall mit allem das Herz und die ganze Seele verbunden sind, daß immer das Herz durchströmt ist, indem der Kopf zum Beispiel die Übergänge schildert von Saturn zur Sonne, von der Sonne zum Mond, vom Mond zur Erde und so weiter, daß da überall das Herz mit dabei ist in der Schilderung, und man da im Tiefsten ergriffen sein kann, daß man mit allem herzmäßigen Fühlen in die höchsten Höhen hinaufsteigt und in die tiefsten Tiefen untertaucht und wieder aufsteigen kann. Das merkt man heute noch nicht, daß dasjenige, was nur scheinbar in Begriffen beschrieben ist, zugleich mit Herzblut geschrieben sein muß, wenn es mitteleuropäischem Geistesleben entsprechen will. Dieses intime Element der mitteleuropäischen Kultur vermag das Spirituelle nicht ohne das Ideelle, das Ideelle nicht mehr ohne das Spirituelle zu denken. Den Geist zu erkennen, um mit dem Geist in einer intimen Weise zu gleicher Zeit eine ArtVermählung der Seele einzugehen, dieses Moment ist es, das am intensivsten das mitteleuropäische Wesen charakterisiert. Daher kann dieses mitteleuropäische Wesen das, was bis in die tiefsten Tiefen der sinnlichen Anschauung und der sinnlichen Empfindung heruntersteigt, verwenden, um zum Symbol zu werden für das Allerhöchste. Und es ist tief bezeichnend, wenn Goethe, nachdem er sein ganzes Leben hindurch das Leben nicht nur des typischen Deutschen, sondern des typischen Menschen, das Leben des Faust vor seiner Seele hat vorbeirollen lassen, seine Dichtung schließt mit den Worten:
Cite:
GA 159/1915-03-07/p011 · edition original