Das intime Element der mitteleuropäischen Kultur und das mitteleuropäische Streben
Dafür sei nur ein Beispiel angeführt. Wenn der Mensch versucht, nach und nach durch seine Meditation und Konzentration, durch das intime Arbeiten an der Entwickelung seiner Seele sich vorwätrtszubringen, dann nehmen alle Seelenkräfte eine andere Form an, als sie im gewöhnlichen Leben haben. Dann werden gewissermaßen die Seelenkräfte zu etwas anderem. Wenn der Mensch wirklich emsig an seiner Entwickelung arbeitet, durch Gedankenkonzentration und anderes, wie es in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» dargestellt ist, so kommt der Mensch dazu, zu begreifen, lebendig zu begreifen, ich möchte sagen, lebendig zu ergreifen, daß er dann in dem Augenblick, in welchem er der wirklichen geistigen Welt sich nähert, nicht mehr so denkt, wie man im gewöhnlichen Leben denken muß. Im gewöhnlichen Leben denkt man so, daß die Gedanken anfangen in einem zu leben. Wenn man der Sinnenwelt gegenübersteht, da weiß man: Das bin ich, und das Ich hat die Gedanken. Man verbindet einen Gedanken mit dem andern und bildet sich dadurch ein Urteil, man bringt die Gedanken zusammen und läßt sie auseinandergehen. Ich habe in meiner Schrift, die betitelt ist «Die Schwelle der geistigen Welt», das Entwickeln der Gedanken verglichen mit einem Hineinstecken des Kopfes in eine Welt von lebendigen Wesenheiten. Die Gedanken fangen an, innerlich zu kribbeln und zu krabbeln, sie werden, wenn ich so sagen darf, lebendige Wesenheiten, und wir sind es nicht mehr, die einen Gedanken zum andern bringen, sie gehen, der eine zum andern, der eine faßt den andern und löst sich vom andern los, das Gedankenleben fängt an, lebendig zu werden. Erst dann, wenn die Gedanken gleichsam anfangen, Hülsen und Behälter zu werden, die sich im kleinen Raum zusammenziehen und dann wiederum groß, sackartig sich ausdehnen, dann können die Wesen der höheren Hierarchien hineinschlüpfen in unsere Gedanken, dann erst! Also unser Eigenleben, das ganze Denken ändert sich, wenn wir in die geistige Welt uns einleben. Dann beginnt man wahrzunehmen, wie auf den andern Planeten nicht Menschen wie auf der Erde, sondern andere Wesenheiten leben, wie die andern Planeten von andern Wesenheiten bevölkert sind. Diese andern Wesenheiten der andern Planeten, die dringen gleichsam in unser lebendig gewordenes Denken ein, und wir denken nicht mehr über die Wesenheiten der andern Welten und Weltensphären, sondern die leben in uns, sie leben mit unserem Selbst vereint. Das Denken ist also eine ganz andere Seelenkraft geworden; es hat sich von dem Punkt, auf dem es stand, entwickelt zu einer andern Seelenkraft, zu jener Kraft, die über uns selbst hinauswirkt und hinauswächst und mit der Welt identisch wird, welche die geistige Welt ist.
Cite:
GA 159/1915-03-07/p018 · edition original