Das intime Element der mitteleuropäischen Kultur und das mitteleuropäische Streben
Nun gab es einen tonangebenden Geist des 19. Jahrhunderts, der so recht durch seine Geistreichigkeit — denn geistreich war er — beigetragen hat zur Begründung der materialistischen Weltanschauung: Ludwig Feuerbach. Er hat ein Buch geschrieben «Gedanken über Tod und Unsterblichkeit», und es ist interessant, an einer Stell e dieses Buches folgendes zu lesen. Da sagt Feuerbach etwa: Das Höchste, was der Mensch entwickeln kann bei sich, das sind seine Gedanken. Höhere Seelenkräfte kann er nicht entwickeln als die Gedanken. Könnte er höhere Seelenkräfte als die Gedanken entwickeln, so würde ja in seinen Kopf hineindringen können dasjenige, was von den Bewohnern der Sternenwelten lebt, und er würde statt der Gedanken die Wirkungen und Taten der Wesenheiten, die auf den Planeten sind, im Kopfe haben. — Das kommt diesem Ludwig Feuerbach so absurd vor, daß er natürlich jeden für seelenkrank hält, der überhaupt von so etwas spricht. Denken Sie, wie interessant das ist, daß ein Mensch, der gerade deshalb Materialist wird, weil er höhere Seelenkräfte ablehnt, darauf kommt, wie die Seelenkraft ist, die die Höherentwickelung des Denkens darstellt. Er beschreibt sie sogar, aber er hat eine so heillose Furcht, eine so heillose Angst vor dieser Entwickelung, daß gerade, weil sie so sein müßte, wie er ahnt, er diese Seelenkraft für eine Unmöglichkeit, für Phantasterei erklärt.
Cite:
GA 159/1915-03-07/p020 · edition original