{"corpus":"steiner","locus":"GA 159/1915-03-07/p035","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Aber ein Wichtiges kann man daraus ersehen. Es zeigte sich nämlich, daß dieser Seele dadurch, daß bei der Einäscherung Worte gesprochen worden sind, die aus ihrer eigenen Seele gekommen sind, diese Worte ihr selbst entzündeten den Rückblick, daß sie etwas Erweckendes hatte in diesen Worten. Und daraus kann man lernen, daß es zum Allerwichtigsten gehört nach dem Tod, sein eigenes Erleben zu überschauen. Gewissermaßen beginnen muß man nach dem Tod mit der Selbsterkenntnis. Hier im Erdenleben kann man die Selbsterkenntnis ja missen, man kann sie so stark missen, daß wahr ist, was ein nicht gewöhnlicher Mensch, auch nicht ein gewöhnlicher Literat, sondern ein berühmter Professor der Philosophie, Dr. Ernst Mach — nicht Ferdinand Maack, den würde ich nicht erwähnen -, in seiner «Analyse der Empfindungen», einem sehr berühmten Werk, etwa mit den Worten bekennt: Als junger Mensch ging ich einmal über die Straße und sah plötzlich in einem Spiegel einen Menschen, der mir entgegenkam. Ich dachte: Welch ein unsympathisches, widerwärtiges Gesicht. Wie erstaunt war ich, als ich entdeckte, daß ich mein eigenes Gesicht im Profil gesehen hatte. — Er hatte also sein eigenes Gesicht gesehen, das er so wenig kannte, daß er dieses Urteil fällen konnte. Und derselbe Professor erzählt, wie es ihm später passiert sei, als er schon ein berühmter Professor der Philosophie war, daß er nach einer langen Reise recht ermüdet in einen Omnibus gestiegen sei, da wäre von der andern Seite auch ein Mann eingestiegen — gegenüber hing ein großer Spiegel -, und er gesteht seine Gedanken ganz aufrichtig, indem er sagt, er habe gedacht: Was steigt denn da für ein herabgekommener unsympathischer Schulmeister ein? — Und wieder erkannte er sich selbst, und er fügt hinzu: Also kannte ich den Gattungshabitus besser als den eigenen. — Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie wenig sich der Mensch schon seiner äußeren Gestalt nach im Leben kennt, wenn er nicht gerade eine kokette Frau ist, die oft in den Spiegel sieht. - Aber viel, viel weniger kennt man seine seelischen Eigentümlichkeiten. An denen geht man viel mehr vorbei. Ein berühmter Philosoph der Gegenwart kann man ohne Selbsterkenntnis werden. Aber der Mensch braucht diese Selbsterkenntnis, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Das intime Element der mitteleuropäischen Kultur und das mitteleuropäische Streben","site_heading":null,"date":"1915-03-07","location":null,"word_count":364,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/159/1915-03-07/p035","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/159/1915-03-07/p035"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/159/1915-03-07/p035","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}