Das intime Element der mitteleuropäischen Kultur und das mitteleuropäische Streben
Der Mensch muß also zurückschauen gerade auf den Punkt seiner Entwickelung, von welchem er durch den Tod geschritten ist, und er muß sich da erkennen. Sowenig wie der Mensch, der im physischen Leben steht und mit den gewöhnlichen Kräften des Lebens zurückschaut, jemals seine eigene Geburt erblicken kann, sowenig diese jemals vor den gewöhnlichen Kräften der Seele steht - es gibt ja keinen Menschen, der durch die gewöhnlichen Seelenkräfte auf die physische Geburt zurückschauen kann -, so notwendig ist es, daß in jedem Augenblick der Moment des Todes da ist, auf den man zurückblickt. Der Tod steht immer vor Augen als das letzte bedeutende Ereignis. Dieser Tod ist von der andern Seite gesehen, von jenseits des Todes gesehen, etwas ganz anderes als von der physischen Seite. Er ist das schönste Erlebnis, das überhaupt erblickt werden kann von der andern Seite, von der Seite des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt. Er ist dasjenige, was erscheint als das glorreiche Bild des ewigen Sieges des Geistigen über das Physische. Und er ist dadurch, daß er als solches Bild erscheint, der stetige Erwecker der höchsten Kräfte der Menschennatur, wenn diese Menschennatur im geistigen Erleben zwischen Tod und neuer Geburt ist. Daher kommt es, daß die Seele, wenn sie zurückschaut, wenn sie zurückzuschauen trachtet, zunächst auf sich selbst schauen muß. Gerade bei diesen Fällen, die wir zuletzt durchgemacht haben, war es so klar, wodurch der’Trieb entstand, diese Seele noch besonders zu charakterisieren, um ihr entgegenzukommen in diesem Drang, beim Zurückblicken sich in Selbsterkenntnis vor sich zu haben. So wirkt das sogenannte Lebendige mit dem sogenannten Toten zusammen. Und immer mehr und mehr wird solche Korrespondenz kommen von sogenannten Lebendigen zu den sogenannten Toten.
Cite:
GA 159/1915-03-07/p036 · edition original