{"corpus":"steiner","locus":"GA 159/1915-03-13/p009","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Versuchen wir, uns einmal an einem geschichtlichen Ereignis klarzumachen, wie dieser Christus-Impuls gewirkt hat, ohne daß ihn die Menschen schon verstanden haben; wie er gewirkt hat als eine lebendig treibende Kraft in der Entwickelung der Menschheit. Die fünfte nachatlantische Kulturperiode ist dazu berufen, in das Bewußtsein hereinzubringen die ganze innere Natur und Wesenheit des Christus-Impulses. Aber er hat schon als eine lebendige Kraft in den unterbewußten Seelenkräften gewirkt, bevor er in der Menschheit voll zum Bewußtsein erwachen konnte. Und eine derjenigen Gestalten, die der Christus-Impuls sich ausgesucht hat, um durch sie zu wirken, Bedeutsames zu wirken, ist zum Beispiel — man könnte auch noch andere anführen — die Gestalt der Jungfrau von Orleans. Wenn wir die Geschichte Europas bis zu dem Ereignis zurück verfolgen, das sich in Anknüpfung an die Persönlichkeit der Jungfrau von Orleans abgespielt hat, so müssen wir, auch wenn wir nur äußerlich die Geschichte betrachten, sagen: Mit dem, was sie dazumal vollbrachte, als sie, inmitten des französischen Volkes sich erhebend, die englischen Kräfte zurückgeschlagen hat - sie hat das ja in Wahrheit getan -, ist erst die Landkarte Europas so gestaltet worden, wie sie sich eben nach und nach gestaltet hat. Und alle andere Geschichtsbetrachtung ist im Grunde für die letzten Jahrhunderte, insofern sie europäische Volks- und Staatenverteilung betrifft, ein Märchen, ist etwas, was sich nicht bewußt ist, daß mit der Jungfrau von Orleans der Christus-Impuls war, der dazumal als ein lebendiger Impuls die Verteilung der europäischen Völker und Volkskräfte bewirkt hat. Und man möchte sagen: Während die gelehrten Leute über allerlei stritten, schon anfingen zu streiten über die Frage, ob man das Abendmahl in dieser oder jener Gestalt zu genießen habe, ob dieses oder jenes durch diese oder jene Formel gedeutet werde, und während so die gelehrten Leute zeigten, daß sie eben mit ihrem bewußten Verständnis noch nicht herangekommen waren an die Erfassung desjenigen, was der Christus-Impuls ist, wirkte dieser Impuls durch das einfache Landmädchen, durch die Jungfrau von Orleans, wirkte gestaltend in die europäische Geschichte hinein. Denn die Wirkung des Christus-Impulses ist eben nicht von dem Verständnis abhängig, das man ihm entgegenbringt. Durch seinen michaelischen Vertreter wirkte der Christus-Impuls in die Jungfrau von Orleans hinein. Nun aber mußte die Jungfrau von Orleans dazu etwas durchmachen, das einer Initiation ähnlich ist. Wir reden heute von der Einweihung, der Initiation und geben dazu dem Bewußtsein des Menschen die Regeln, die wir zusammengestellt haben in dem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Aber von einer solchen Einweihung konnte bei der Jungfrau von Orleans natürlich nicht die Rede sein. Bei ihr kann nur von einer Einweihung die Rede sein, die gewissermaßen ein Überbleibsel der älteren Einweihung war, die sich mehr in den unterbewußten Seelenkräften der Menschen vollzog. Nun haben sich gerade diese alten Einweihungen wie Elementarkräfte fortgepflanzt bis herauf in die neuere Zeit. In alten Sagen und Märchen und Legenden wird vieles erzählt: daß diesem oder jenem Menschen dieses oder jenes passiert ist, wodurch ihm die innere Seelenkraft aufgegangen ist, so daß er dieses oder jenes von der geistigen Welt gesehen hat. Solche Dinge sollen nur eine Andeutung davon sein, wie ohne menschliches Zutun, durch Wirkung göttlich-geistiger, die Welt durchwallender Kräfte, gewisse Menschen, die durch ihr Karma dazu geeignet sind, naturgemäße Eingeweihte sind, durch den Platz, auf den sie durch das Menschheitskarma hingestellt werden, wo dieses Menschheitskarma mit dem eigenen Karma zusammenfließt. Ein sehr schöner Nachklang an eine solche Natureinweihung, wie man sie nennen möchte, gibt uns ein Gedicht, welches davon spricht, daß der «Sonnensohn» Olaf Åsteson in den dreizehn Nächten und Tagen, die von der Geburt Christi bis zur Erscheinung Christi, bis zum 6. Januar, abfließen, in einer Art Schlafzustand verweilte. Olaf Åsteson: in dem Namen ist schon angedeutet, daß in ihm durch Vererbung liegende Erkenntniskräfte unterbewußter Art enthalten sind, denn Olaf Åsteson heißt eigentlich: derjenige, durch den das Blut seiner Ahnen geht. Der Sonnensohn Olaf Åsteson durchschläft und durchträumt die dreizehn Nächte, welche die finstersten des irdischen Jahres sind, oder wenigstens die größte Kraft der irdischen Jahresfinsternis in sich enthalten, vom ersten Weihnachtstag bis zum 6. Januar, dem Epiphaniasfest. Nun ist das nicht bloß eine menschliche abergläubische Spintisiererei, was sich in solchen Sagen und Legenden an diese Nächte knüpft. Denn in der Tat ist es so, daß es zwei Jahreszeiten gibt, die sich kosmisch gewissermaßen wie zwei entgegengesetzte Pole zum Leben der Seele des Menschen im Leibe verhalten. Wenn wir die Jahreszeit nehmen, die um das Johannisfest im Sommer liegt, so ist das die Zeit, welche besonders geeignet ist dazu, daß die menschliche Seele mit all ihren Leidenschaftsimpulsen durch die äußerliche physische Sonnenkraft, die da ihre größte Energie erreicht, im Kosmos aufgeht, sich mit dem Kosmos vereinigt. Daher war das Johannisfest der alten Zeit dazu bestimmt, in die menschliche Seele das an göttlich-geistigen Kräften hineinzulegen, was den Kosmos durchwellt und durchwallt, wenn die Menschen sich vergaßen und aufgingen bei diesem Fest in die äußeren starken physischen Kräfte des Kosmos. Da aber, wo die Sonnenkraft die schwächste physische Entfaltung erreicht, in der Mitte des Winters, erreichen dafür die geistigen Kräfte, die in der Finsternis wirken, die größte Stärke. Und mit Recht, man kann sagen, nach kosmischen Gesetzen liegt das Fest der Geburt des Jesus von Nazareth in dieser Zeit. Da, wo das äußere Physische am finstersten ist, kann die Seele das Gewaltigste erleben, wenn sie sich vereinigt fühlt mit den Kräften, die geistig die Aura der Erde durchspielen. Daher ist es in diesen Tagen, daß Olaf Åsteson schläft und schläft, und all das erlebt, was wir das Kamaloka nennen, dann das, was wir die Seelenwelt, und endlich das, was wir das Geisterland nennen. Und die norwegische Legende erzählt uns, wie Olaf Åsteson, nachdem er nach den dreizehn Nächten wieder erwacht, zu erzählen weiß von dem, was er erlebt hat, wie er den Seelen begegnet ist in der Seelenwelt und im Geisterlande. Das alles sind zwar Bilder, die einer imaginativen Erkenntnis entsprechen, aber sie deuten auf dasjenige, was wirklich lebendige Möglichkeiten der menschlichen Seele sind, wenn diese Seelen sich entrückt fühlen in jener Zeit der physischen Finsternis, die aber die Zeit der spirituellen Erleuchtung ist, wenn sie sich entrückt fühlen zu dem, was in der Erdenaura wallt und webt. Und am Ende der Legende sehen wir die Kräfte des Christus-Impulses, die mit Gewalt packen — aber das unterbewußte Verständnis des Olaf Åsteson. In solchen Legenden wird gleichsam von Natureinweihungen, die in alten Zeiten noch möglich waren, gesprochen, von einem Hinschauen in die geistige Welt. In diesen Zeiten hat die Erdenaura wirklich eine Kraft, die sie in andern Zeiten, wo sie von der physischen Sonnenkraft gleichsam überflutet und überstrahlt wird, nicht hat. Und da der Christus seit dem Mysterium von Golgatha mit der Erdenaura vereinigt ist, so kann auch die Kraft des Christus-Impulses in diesen Tagen ganz besonders in die Seelen hineinwirken, wenn ihr diese Seelen Empfänglichkeit entgegenbringen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Das Eingreifen des Christus-Impulses in das geschichtliche Geschehen - Die Überbrückung der Kluft zwischen Lebenden und Toten","site_heading":null,"date":"1915-03-13","location":null,"word_count":1130,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/159/1915-03-13/p009","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/159/1915-03-13/p009"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/159/1915-03-13/p009","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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