Das Eingreifen des Christus-Impulses in das geschichtliche Geschehen - Die Überbrückung der Kluft zwischen Lebenden und Toten
Daher könnte man, bevor man irgend etwas geschichtlich untersucht, voraussetzen, daß, auch bei einer solchen Gestalt wie der Jungfrau von Orleans, der Christus-Impuls durch dreizehn Tage hindurch unterbewußt in ihre Seele hineingewirkt hätte; daß auch sie gewissermaßen -— was Olaf Åsteson in den dreizehn Tagen und Nächten im Schlafzustand durchgemacht hat - etwas wie eine Erleuchtung durch den Christus-Impuls in den unterbewußten Seelenkräften durchgemacht hätte. Dann müßte die Jungfrau von Orleans aber einmal in den dreizehn Tagen, die vom 25. Dezember bis zum 6. Januar liegen, in einer Art schlafähnlichem Zustand gewesen sein, und am 6. Januar müßte dann, nachdem ihre Seele in einer Art von Schlafzustand war, der Christus-Impuls diese Seele ergriffen haben. Dasjenige, was man so voraussetzen kann, war wirklich in einer eigentümlichen Weise vorhanden, nur in einer ganz besonderen Zeit, wo der Mensch in der Tat in einer Art von Schlafzustand sein kann. Nämlich bevor der Mensch den ersten Atemzug im Erdenleben tut, bevor er dem Leib seiner Mutter entbunden wird und den ersten irdisch-physischen Lichtstrahl empfängt, verbringt er ja eine Zeit als werdender Mensch in einem wahren Schlafzustand. Und ebenso wie man am Abend in einen Traumesschlaf kommt, ist man im Leibe der Mutter in solch einem traumähnlichen Schlaf. Und diejenigen Tage, in denen der traumähnliche Schlaf am meisten für die unbewußten Einflüsse der geistigen Welt empfänglich ist, sind eben die letzten Tage, die der Mensch im Leibe der Mutter verbringt. Und so könnte es auch wohl sein, daß gerade diese Tage bei der Jungfrau von Orleans dazu verwendet worden wären, ihr den Christus-Impuls einzupflanzen, bevor sie mit physischen Augen das physische Sonnenlicht erblickte, den ersten Atemzug außer dem Leibe der Mutter tat. Das war der Fall, denn die Jungfrau von Orleans ist am 6. Januar geboren. Am 6. Januar vollzog es sich, daß das ganze Dorf zusammenlief, weil irgend etwas Unbestimmtes in der Dorfaura lag. Das ist eine historische Tatsache. Die Leute wußten nicht, was geschehen war: die Jungfrau von Orleans war geboren. Hinter solchen Dingen verbirgt sich vieles. Und erst dann, wenn die Menschheit dazukommen wird, diese geheimnisvolle Tatsache einmal im richtigen Licht zu sehen, wird auch Verständnis desjenigen vorhanden sein, was unter der Oberfläche der äußerlichen Sinnenwelt im Menschenwerden wirklich vorgeht. Die göttlichen Kräfte suchen sich die mannigfaltigsten Wege, um hineinzukommen in dasjenige, was menschliche Seele ist. Selbstverständlich mußte das Karma der Jungfrau von Orleans geeignet sein dazu, daß so etwas geschehen konnte. Aber indem das Karma der Jungfrau von Orleans zusammenfiel mit der Tatsache, daß sie am 6. Januar geboren ist, war dasjenige historisch gegeben, was möglich machte, daß auf diese Gestalt der Geschichte der Christus-Impuls besonders wirkte und Europa eine neue Gestaltung gab. Dies sind Dinge, die man prüfen kann, wenn man mit einigem Verständnis den Lauf der Geschichte beobachtet. Das sind die Dinge, an welche das geistige Verständnis anknüpfen wird in der Zukunft, wenn diese fünfte nachatlantische Kulturperiode wirklich alle Erkenntniskräfte aus den Seelen heraufholen wird. Die Seele wird dann bewußter und immer bewußter das Dasein des Christus-Impulses erleben. Aber sie wird das nur dann so erleben, wenn die Menschheit in den Stand kommt, Geisteswissenschaft nicht mehr als eine bloße "Theorie zu betrachten, sondern als das lebendige Leben zu erfühlen, sie innerlich zu erfahren. Dann wird Geisteswissenschaft dasjenige bewirken können, was eigentlich ihre Mission im Werdegang der Menschheit ist.
Cite:
GA 159/1915-03-13/p010 · edition original