Das Eingreifen des Christus-Impulses in das geschichtliche Geschehen - Die Überbrückung der Kluft zwischen Lebenden und Toten
Im Osten bereitet sich eine Art des Menschenlebens vor, welche für die Zukunft eine Bedeutung haben wird. Sie brauchen darüber nur nachzulesen in dem Zyklus über die Mission der Volksseelen, der einmal in Kristiania gehalten worden ist. Aber grundverschieden von der Seelenart, die gerade diejenige des Mitteleuropäers ist, ist schon die Seelenart des Osteuropäers, vom weiteren Orient gar nicht zu sprechen — grundverschieden. Und wir müssen schon durch dasjenige, was uns die Geisteswissenschaft sein soll, darauf kommen, uns für solche Sachen ein offenes Geistesauge zu schaffen. Was oftmals erzählt wird, daß einmal die Waräger von der russisch-slawischen Bevölkerung geholt worden wären, daß ihnen gesagt worden wäre: Wir haben ein schönes Land, aber wir haben keine Ordnung, kommt zu uns und macht uns Ordnung! Richtet uns eine Art von Staatswesen ein! was so wie gemüthaft erzählt wird wie ein Ausgangspunkt der russischen Geschichte, ist ja nichts weiter als eine Legende ohne jeden historischen Hintergrund. Das hat niemals so stattgefunden. In Wahrheit sind diese Waräger ausgezogen, als Eroberer, und sind wahrhaftig nicht gerufen worden. Und dennoch bedeutet das, was so erzählt wird in der Geschichte, doch noch mehr, als es selbst bedeuten würde, wenn es einer historischen Wahrheit entsprechen würde. Denn es bedeutet etwas Prophetisches, etwas wirklich Prophetisches, etwas, was noch nicht geschehen ist, was aber in der Zukunft geschehen wird. Was sich im Osten entwickeln soll, wird sich nämlich so entwickeln müssen, daß die Fähigkeiten der östlichen Völker verwendet werden, um dasjenige, was die Kultur des Westens geschaffen hat, aufzunehmen und in sich dann weiter zu verarbeiten, sich befruchten zu lassen mit dem, was im Westen geschaffen wird. Dies wird in der Zukunft einmal die Aufgabe der östlichen Völker sein. Man kann mit einem kurzen Wort das Wesen gerade des russischen östlichen Volkes charakterisieren. Wenn wir das wirkliche Volk betrachten — nicht jene verlogene Gemeinschaft, von der das russische Volk jetzt regiert wird —, dann müssen wir uns klar sein darüber, daß die russische Seele einen ungeheuren Umfang von Begabung hat, daß sie gewissermaßen zu allem begabt ist; aber gerade indem sie ihre Mission in der Welten- und Menschheitsentwickelung immer mehr entfaltet, wird sich zeigen, daß etwas da sein kann in der Menschheit, was man nennen kann: Begabung ohne produktive Kraft. Die Begabung wird noch immer mehr werden, wird immer größer werden. Dasjenige aber, was zum Beispiel den Mitteleuropäer so auszeichnet, daß er seine Begabung vereinigt hat mit der geistigen Kraft, daß er hervorbringt jenes «Wer immer strebend sich bemüht...» und intim mit seinem Volksgeist lebt; daß er dasjenige, was er verstehen will, zugleich hervorbtingen will, was so großartig in Fichtes Philosophie da ist, wo das Ich, um sich zu begreifen, sich fortwährend hervorbringen will - man wird erst später sehen, was für eine Größe diese Philosophie hat -, gerade dasjenige, was so Mitteleuropa auszeichnet, von dem ist das polarische Gegenteil in Rußland, im Osten Europas vorhanden. Diese russischen Seelen sind absolut aufnehmend: sie haben die größte Begabung für das Aufnehmen, und wenn man bei ihnen von Produktivität spricht, so täuscht man sich. Sie sind dazu berufen, Begabung ohne Produktivität zu entwickeln. Selbst der Begriff ist heute schwer zu fassen, weil es dies in der Entwickelung noch nicht gegeben hat, sondern sich erst nach und nach entwickeln muß. Und in der Zukunft wird es so kommen, daß von Osten herüber an den Westen der Ruf ergeht: Wir haben ein schönes Land, aber keine Ordnung - denn die Unordnung wird immer noch größer werden -, kommt und macht Ordnung! — Mitteleuropa ist dazu berufen, die Produktivität des Geistes hineinzutragen in den Osten. Und was jetzt geschieht, das ist ein unvernünftiges Sich-Wehren gegen das, was in der Zukunft doch geschehen muß. Man will zertreten dasjenige, zu dem man einmal wird kommen müssen, um zu sagen: Kommt zu uns und macht Ordnung! — Es ist so in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit, daß dasjenige am meisten zurückgestoßen, am meisten zurückgeworfen wird, was man zuletzt am allermeisten ersehnen und ertrachten muß. Das größte Unglück, das kommen könnte, wenn der Osten Europas, wenn Rußland in diesem Vorgang einen Sieg erringen würde, das größte Unglück wäre dieses gar nicht für Mitteleuropa, sondern für Rußland selber, das allergrößte Unglück, innerlich betrachtet, denn dieser Sieg müßte wieder rückgängig gemacht werden; dieser Sieg könnte mit seinen Wirkungen nicht bleiben. So stehen wir vor dem tragischen Augenblick der Entwickelungsgeschichte der Menschheit, daß sich der Osten vor etwas wehrt, was er in der Zukunft ersehnen wird, mit allen Kräften ersehnen wird. Denn er würde in einen vollständigen Niedergang verfallen, wenn er sich nicht befruchten ließe von dem geistigen Leben desjenigen, was für ihn der Westen ist, der unmittelbar angrenzende Westen. Und zwar muß dieser Westen im weiteren Verlaufe seiner Kultur dasjenige hervorbringen, was lebendiges Geistesleben ist, nicht bloß Idealismus, sondern lebendiges Geistesleben. Dieses lebendige Geistesleben wird wie eine Geistessonne sein, die von Westen nach Osten, in einer dem Lauf der äußern Sonne entgegengesetzten Richtung, sich bewegen wird. Und der äußere russische Mensch wird immer mehr einsehen, wie wenig er durch sich selbst vermag, wie er darauf angewiesen ist, sich wirklich in den ganzen Entwickelungsprozeß der Menschheit hineinzustellen; wie er die größte Sünde dadurch begeht, daß er sich an der für ihn westeuropäischen Kultur vergreift. Merkwürdige Vorblitze möchte ich sagen, könnten wir davon empfinden. Trat doch wiederum etwas auf in diesem Osten, was im Westen eine Unmöglichkeit war: die sogenannte Barfüßerweltanschauung, eine Art Philosophie der Barfüßer, die sich rasch, nachdem sie vor einigen Jahren noch gar nicht da war, über große Kreise verbreitet hat. Barfüßertum! Die Weltanschauung derjenigen, die den absoluten Unglauben an Menschen und Menschentum zu einer Philosophie machen, da sie nicht glauben können, daß der Mensch wirklich etwas anderes ist als dasjenige, was da zwischen Geburt und Tod herumwandelt, herumwandelt unter Mühsal und Schrecken, herumwandelt so, daß die Worte Freiheit, Brüderlichkeit, Erbarmen, Mitleid und Liebe leere Phrasen sind, und daß der nur weise ist, der als Pilger mit bloßen Füßen durch die Welt wandelt, barfuß, der die ganze Kultur, die ganze verfaulte westeuropäische Kultur - wie der Barfüßer sagt - als eine große Täuschung empfindet, und der die abgerissenen Kleider und die dumpfe Stube und die weite Straße als dasjenige betrachtet, wodurch sich der Mensch durchwälzt, wenn er sich zu der Barfüßerweltanschauung durchgerungen hat. Und wenn ein Dichter diese Barfüßerweltanschauung ausdrücken läßt durch eine seiner Personen mit bezeichnenden Worten, so muß uns das ganz merkwürdig berühren, uns, die wir versuchen, aus der mitteleuropäischen Weltanschauung immer das herauszufinden, was den Menschen das Licht der Zukunft anfachen kann. Wenn ein Dichter eine Person aussprechen läßt dasjenige, was aber im Grunde genommen eine Art von Fazit der Barfüßerweltanschauung und ihrer Philosophie sein kann, wie mutet es uns an?
Cite:
GA 159/1915-03-13/p032 · edition original