Zweiter Vortrag
Solches wollte ich noch hinzufügen zu allem, was ich Ihnen in diesen Zeiten gesagt habe über die Lebenskräfte, die uns aufgehen, wenn wir die Geisteswissenschaft nicht wie eine Theorie betrachten, sondern wenn wir in ihr suchen die Führerschaft zum Lebendigen. Und wir finden das Lebendige eben durch die Geisteswissenschaft. Dasjenige, was so unlebendig ist, so strohern wie die Geschichte der Philosophie oftmals ist, das wird, wenn wir uns der Führung der Geisteswissenschaft anvertrauen, so, daß uns aus dem Nebel der Geschichte der Philosophie ein Wesen entgegentritt, zu dem wir aufschauen wie zu einer Göttin, die herabsteigt aus göttlichen Wolkenhöhen, die wir jung sehen in alten Zeiten, die wir heranwachsen sehen, allerdings mit der Langsamkeit, daß ein Jahrhundert einem Jahre des Menschenlebens entspricht. Aber lebendig wird das alles. Die Sonne geht uns auf, wie die Sonne innerhalb des Erdendaseins selber. Denn so wie die Sonne aufgeht auf dem physischen Plan, so sehen wir die alte Sonne noch hereinstrahlen in die Erdenwelt in einem Wesen, das eine längere Lebensdauer hat wie der Mensch. Wie wir das Werden eines Menschen auf dem physischen Plan von der Geburt bis zum Tode verfolgen, so verfolgen wir das philoso_phische Werden, indem wir ein Wesen in ihm schauen.
Cite:
GA 161/1915-01-10/p057 · edition original