Dritter Vortrag
Jedes Zeitalter hat eine besondere Art, die geistige Welt zu suchen. Wir finden schon in den dem Danteschen Zeitalter vorangehenden Jahrhunderten immer wieder und wiederum bei den verschiedensten Initiierten jene Frau, von der auch Brunetto Latini spricht, jenes Hineingeführtwerden in die geistige Welt durch diese Frau. Einzelne - und diese ganze Entwickelung geht ja zurück bis ins 7., 8. Jahrhundert -, einzelne nennen geradezu diese Frau «Natura», die lebendige, schaffende Natur. Alte Eingeweihte beschrieben diese Frau, die lebendige, schaffende Natur als die Beraterin des Nus, des die Welt durchschaffenden Verstandes, der die Welt als Nus durchsetzenden, weisheitsvollen Vernunft, und sie nennen diese Frau eine Verwandte der Urania. Während Nus draußen im Kosmos beraten wird von Urania, wird er in unseren Gegenden, unseren irdischen Gegenden beraten von der Natura. Und wenn man die ganze Sache durchschaut, so wird man zurückgeführt auf die andere Art, durch welche in viel älteren Zeiten die Eingeweihten gewissen Geheimnissen des Daseins nahezukommen versuchten, und dann finden wir in älteren Zeiten diese Frau wieder in Proserpina, in der Persephone, die der Mutter Demeter das Gewand webt. So verändern sich die Imaginationen im Verlaufe der Jahrhunderte, aber aus all diesen Imaginationen müssen wir entnehmen, daß das, was im fortlaufenden Strom der Menschheit gewirkt hat, eben die Geheimnisse der Initiation sind.
Cite:
GA 161/1915-01-30/p035 · edition original