Elfter Vortrag
Man hat insbesondere in der neueren Zeit immer wieder darauf angespielt, daß ja etwas wie der Tod des Gottes und die Auferstehung des Gottes vorbereitend vorhanden war in den alten Religionen, und man hat geglaubt, daraus schließen zu dürfen, daß das Christus-Ereignis auch nur eine Umbildung sei, eine Umbildung, sagen wir etwa des Sterbens des Adonis und des Auferstehens des Adonis. Man hat aber mit solchen Behauptungen nur gezeigt, daß man ein wirkliches Verständnis des Christus-Ereignisses eben nicht gewonnen hat. Denn dieses Adonis-Ereignis oder andere ähnliche Ereignisse, sie sind überall, wo sie angetroffen werden, so, daß man ihnen ansieht gewissermaßen das natürliche Dasein, das Dasein, das sich jedes Jahr wiederholen kann, das Dasein, das mit den Naturereignissen zusammenhängt und eigentlich in die Naturereignisse hineingehört. So wie dasjenige, was wir gestern als das Baldur-Ereignis beschrieben haben, ja im Grunde auch gebunden ist an die Erscheinung der Natur, die Beobachtungen, welche der alte Mensch in der Natur machen konnte. Alle alten vorchristlichen Religionen waren im Grunde genommen solche Religionen, deren Verehrungswesen zusammenhing mit dem, was die alten hellsichtigen Menschenseelen in den Ereignissen der Natur und ihrem Laufe wahrnehmen konnten. Und die orientalischen Religionen sind im Grunde genommen heute noch nicht über diesen Standpunkt hinausgelangt. Wirklich über diesen Standpunkt hinausgelangt ist das Christentum, denn das Christentum ist im eminentesten Sinne dasjenige, was man nennen kann eine historische Religion, das heißt eine Religion, bei der es ankommt auf das, was verstanden werden muß aus dem ganzen Verlauf der Menschengeschichte und Menschenentwickelung im Erdendasein. Eine Historie, eine Erdengeschichte gibt es eigentlich erst durch das Mysterium von Golgatha.
Cite:
GA 161/1915-04-03/p006 · edition original