Zwölfter Vortrag
In einem höheren Stile kann man dasselbe sagen von Menschen wie Otto Liebmann. Sie kommen zur Philosophie, ins Land des Geistes durch Zusammenhänge, die in unserer Welt sind. Man schreibt eine Dissertation, ein Buch, dann wird man als Dozent auf das Gymnasium geschickt; man erweist sich als guter Denker und wird dann auf die Universität geschickt. Das Philosophische ist maskierte Weltcourtoisie. Man braucht nicht den inneren Ruf nach dem Lande des Geistes zu haben, Weltcourtoisie ist das. Man geht bis zum Tore, geht auch hinein, und schläft ein; schläft nicht gleich - wie der satte Rentier, der zum Konzert geführt wird, schläft, auch wenn er gar nicht ermüdet ist —, man schläft ein wie durch einen Mangel an Interesse für das Gegenstandsbewußtsein; aber man kann nicht aufwachen für das imaginative Bewußtsein. Ist es einem unmöglich aufzuwachen für das imaginative Bewußtsein, so schläft man sogleich ein in dem Augenblicke, wo etwas erzählt wird von der geistigen Welt. Mit anderen Worten: es ist den Leuten zu schwer, von der Geisteswissenschaft etwas aufzunehmen. Und es ist deshalb nicht so ganz ungefährlich das festzustellen, weil die Menschen nun sagen: Also seid Ihr diejenigen, die das betreiben, was anderen Menschen, bedeutenden Menschen so beschwerlich ist! - Wir werden aber, da wir uns der Schwierigkeit bewußt sind, nicht gerade hochmütig werden. Aber wir werden auch wissen, daß dasjenige, worin wir uns begegnen müssen, deshalb von der Welt bekämpft wird, weil die Menschen sich nicht einlassen wollen auf so schwierige Sachen, eben weil sie ihnen zu schwierig sind.
Cite:
GA 161/1915-05-01/p023 · edition original