Dritter Vortrag

GA 162/1915-05-29/p028 ·1915-05-29 · original (original)
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Die Menschen möchten am liebsten, so wie sie Bücher haben von dem, was in der physischen Welt gewußt werden kann, auch Bücher verlangen von der geistigen Welt; wie sie sich Wissen erwerben von der physischen Welt, so möchten sie auch das Wissen von der geistigen Welt erwerben. Aber in dieser Weise ist es gar nicht möglich, sich ein Wissen von der geistigen Welt zu erwerben, sondern die Bücher, die von der geistigen Welt handeln, müssen jedesmal neu unsere innere Tätigkeit anregen, unsere inneren Kräfte in Bewegung bringen. Daher ist es bei dem, was wir uns an Erkenntnissen von der physischen Welt aneignen, wo wir immer wiederholen müssen, um nicht zu vergessen, nicht so, wie wenn wir uns Erkenntnisse über die geistige Welt aneignen. Wenn wir immer wieder einen Zyklus lesen oder ein geisteswissenschaftliches Buch, dann ist das eigentlich nicht eine Wiederholung, sondern ein Uns-Durchsetzen mit der Tätigkeit, durch die wir zu der Erkenntnis hinkommen. Und das ist das Wichtigste, das ist das Wesentliche. Sehen Sie, den Menschen, der aufgefordert wird, wenn er in die Kirche geht, zu beten, würden Sie ganz sonderbar ansehen, wenn er Ihnen sagen wollte: Ich brauche heute nicht zu beten; wie ich sieben Jahre, drei Monate und zwei Tage alt war, da habe ich das Gebet einmal gelesen. Ich werde mich immer erinnern, daß ich es gebetet habe; ich brauche es nicht mehr zu beten, denn ich weiß, daß ich es gebetet habe; ich will jetzt nur daran denken. - Sie würden sonderbar diesen Menschen ansehen, Sie würden ihm klarmachen, daß es nicht darauf ankommt, sich an das einmal verrichtete Gebet zu erinnern, sondern darauf, es immer wieder hervorzurufen, weil es ein Lebendiges ist in jeder Erneuerung. Gerade so sollen wir unser Erlebnis in der okkulten Wissenschaft auffassen. Wir sollten nicht sagen, wie wir das gegenüber der gewöhnlichen Wissenschaft tun: Ja, wir haben es in uns aufgenommen, wir erinnern uns daran -, sondern wir wollen uns daran gewöhnen, immer wieder und wiederum uns in die Sache zu vertiefen, immer wieder und wiederum die Tätigkeit durchzumachen. Dieses aber lieben die Menschen der neueren Zeit gar nicht. Die Menschen der neueren Zeit lieben vielmehr, stehenzubleiben bei demjenigen, was sie einmal erlangt haben. Nicht wahr, man fühlt sich am glücklichsten, wenn man irgend etwas als Wissen sich angeeignet hat und dieses Wissen dann in dem inneren «Tornister» gleichsam durchs Leben trägt, und, wenn man es braucht, herausnimmt, sich wieder daran erinnert. Das ist etwas, in welches die moderne Menschheit immer mehr und mehr zu verfallen droht. Es ist aber in der neueren Zeit, ich möchte sagen, unmittelbares Bedürfnis, dieses Sitzen auf dem erworbenen Inhalte zu verwandeln so, daß? die menschliche Arbeit, das menschliche Streben, entspricht dem

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Cite: GA 162/1915-05-29/p028 · edition original