Dritter Vortrag

GA 162/1915-05-29/p054 ·1915-05-29 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Heute möchte ich zum Schluß noch auf zwei Dinge aufmerksam machen - wir werden morgen weiter sehen -, die angeeignet werden müssen von dem, der in die Geisteswissenschaft hinein will und sie fruchtbar machen will für das geistige Leben der Zukunft: Das erste ist eine gewisse Scheu, eine gewisse Ehrfurcht vor der Wahrheit. Man braucht nur die Augen aufzumachen, dann wird man finden, daß gerade heute alles, was in der Welt geschieht, wie ein Auflehnen erscheint gegen diese Scheu, gegen die Ehrfurcht vor der Wahrheit. Wer Ehrfurcht vor der Wahrheit hat, der wird lange warten, ehe er eine Behauptung von einer Sache aufstellt, oder ein Urteil über diese abgibt. Heute ist die Tendenz zum Gegenteil da, die Tendenz, möglichst wenig Respekt vor der Wahrheit zu empfinden, vielmehr die Wahrheit so zu formen, wie es einem gerade paßt, wie man es angemessen findet dem eigenen Gefühl und den eigenen Empfindungen. Das Wartenkönnen, bis sich die Wahrheit als die keusche Gottheit der Menschenseele ergibt, das ist eine Empfindung, von der man sagen kann: Es ist wirklich notwendig, daß sie von der heutigen Menschheit angeeignet werde. Die äußere Kultur aber widerstrebt dieser Aneignung, ist eine Kultur, bei der es darauf ankommt, Mitteilungen zu fabrizieren und möglichst schnell alle Tatsachen mitzuteilen, wie das heutige Journalwesen es tut. Da ist die gegenteilige Stimmung vorhanden von der, die unsere Geisteswissenschaft in uns erzeugen muß. Die Art und Weise, sich zur Welt zu stellen, die heute durch Druck und Presse geübt wird, ist das Gegenteil von dem, was gerade von Geisteswissenschaft angestrebt werden muß, angestrebt werden muß von denen, die es gut meinen mit der Menschheit. Das muß zugestanden werden von denen, die der geisteswissenschaftlichen Bewegung zugehören wollen. Das erste ist Ehrfurcht vor der Wahrheit.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/162/1915-05-29/p054.json
Cite: GA 162/1915-05-29/p054 · edition original