Neunter Vortrag
Was heißt es denn: «Nicht essen von dem Baume des Lebens?» Sie werden es vielleicht nicht mehr unbegreiflich finden, was ich über diesen Ausspruch zu sagen habe, wenn Sie sich vernünftigerweise vor die Seele führen, was es denn eigentlich nur heißen kann: gegessen zu haben von dem Baume der Erkenntnis des Guten und des Bösen. - Jeder kann sich doch sagen: Wäre das nicht vorgekommen, was wir die luziferische Verführung nennen, so würde der Mensch offenbar anders in diesem Erdenleben dastehen müssen; denn so wie er dasteht, mischt sich hinein in sein Erdenleben die Wirkung der luziferischen Verführung. - Das heißt, wir bringen es in unserem Erdenleben bis zu einer gewissen Art von Erkenntnis, bis zu einer gewissen Art, uns durch unseren Verstand und durch unsere Vernunft zu den Dingen zu stellen, durch sie ein gewisses Wissen von den Dingen der Welt zu bekommen. Es ist doch ganz klar: wir müßten ein anderes Wissen von den Dingen der Welt bekommen, wenn die luziferische Verführung nicht stattgefunden hätte. Das besagt gerade der angedeutete Doppelspruch. Das heißt, das Wissen, das wir von der Welt und deren Erscheinungen bekommen, ist ein solches Wissen, das durch den luziferischen Einfluß eingetreten ist, ein Wissen, das darstellt die fortlaufende Entwickelung, die eingetreten ist durch den Genuß vom Baume der Erkenntnis des Guten und des Bösen. All unser Wissen ist ein solches, daß es eintreten mußte, so wie es geworden ist, als Folge des Genusses vom Baume der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Hätte der Mensch nicht genossen vom Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen, so müßte eben ein anderes Wissen da sein als das, welches unter den heutigen «normalen» Verhältnissen da ist, wo Luzifer in unser Dasein herein wirkt.
Cite:
GA 162/1915-07-25/p009 · edition original