Erster Vortrag
Ich habe schon öfter in Anknüpfung an verschiedenes erwähnt, daß es in unserer Zeit einen Philosophen gibt, Fritz Mauthner, der eine «Kritik der Sprache» geschrieben hat. Es sollte durch diese «Kritik der Sprache» für unsere Zeit etwas noch Richtigeres geschaffen werden, als was schon seinerzeit Kant durch seine «Kritik der reinen Vernunft» geschaffen hat. Denn Fritz Mauthner glaubt - so könnte man das ausdrücken - nicht mehr daran, daß die Menschen ihre Erkenntnisse suchen durch Begriffe, sondern er glaubt, daß es im Grunde genommen nur die Sprache ist, an deren Faden die Menschen ihre Erkenntnisse spinnen, daß die Menschen, indem sie denken, eigentlich nicht wirkliche Begriffe haben, sondern die Überlieferung der Worte, und daß sie bei den Worten gewissermaßen Hinweise haben auf dies oder jenes. Mauthner glaubt, daß die Menschen bei den Worten ein gewisses inneres Erlebnis haben, wortgläubig werden, ihre Worte gewissermaßen zusammenwürfeln, zusammensetzen, und sich Erkenntnisse verschaffen durch dieses Würfeln der Worte. Das ist eine vollständige Verkennung des ganzen Erkenntnisprozesses, aber etwas, was ganz notwendig einmal herauskommen mußte in einem Zeitalter, das so wie das unsere zu der ärgsten Konsequenz des Materialismus sich hindurcharbeitet.
Cite:
GA 163/1915-08-23/p004 · edition original