Erster Vortrag
Nun gibt es einen gewissen Gedankengang, der sich bezieht auf die göttliche Vorsehung. Die Materialisten sagen nämlich etwa das Folgende: Wir wollen den Gedankengang der Gottgläubigen, der Vorsehungsgläubigen einmal vor uns hinstellen. Wie ist der Gedankengang der Vorsehungsgläubigen? Der ist mit Bezug auf die Vorsehung der Welt manchmal der folgende. Die Vorsehungsgläubigen sagen: Nehmen wir etwa den Goetheschen «Faust» oder auch Homers Dichtungen, darauf kommt es nicht an. Der Goethesche «Faust» — was ist er denn zuletzt? -— Wenn man nach Art der Materialisten denkt, die die Welt aus Atomen oder Molekülen zusammensetzen, so müßte man eigentlich den ganzen «Faust» zusammengesetzt denken aus Buchstaben, wenn man nicht weiter gehen wollte, aus einzelnen Buchstaben. Nun formulieren solche Leute, die vorsehungsgläubig sind, und die dennoch an Atome und Moleküle glauben, etwa so: Nehmen wir einmal den ganzen «Faust», der besteht aus Buchstaben. Nun denke man sich, man hätte in einem Setzerkasten darinnen alle die Buchstaben, aus denen der ganze «Faust» besteht. Und durch irgendeine Maschinerie — nicht durch irgendeine Weisheit -— würden diese Buchstaben hingeworfen. Da fragt nun der Vorsehungsgläubige: Wenn man diese Buchstaben hinwürfe und eine Maschinerie da wäre, die diese Buchstaben so, wie sie hingefallen sind, nebeneinandersetzte, wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, daß da gerade der Goethesche «Faust» zum Vorschein käme? - So fragen sie. Diese Wahrscheinlichkeit ist doch eine wirklich verschwindend geringe, sagen sie. Man kann nicht annehmen, daß, wenn die Buchstaben so beliebig hingeworfen würden, durch irgendeinen Zufall - sehen Sie, da haben wir «seine Majestät den Zufall », wie Voltaire sagt - der Goethesche«Faust» sich auf diese Weise aufzeichnete. Also da das bei Goethes «Faust» nicht der Fall ist, die Welt aber denn doch viel, viel herrlicher zusammengefügt ist, so kann man nicht denken, daß diese Welt ohne Weisheit einfach so hingeworfen wäre. Also muß es eine Vorsehung geben.
Cite:
GA 163/1915-08-23/p010 · edition original