Erster Vortrag
Sie sehen, die Wahrscheinlichkeit, daß der «Faust» auf diese Weise hervorgeht, ist nicht 1/6 oder 1/36 und so weiter, sondern sie ist gleich dem Bruch, der entsteht, wenn ich 1 dividiere durch 100 mal 100 mal 100 und so weiter, und das 300000mal mache; das ist ein Bruch mit einem, wie Sie sich vorstellen können, riesigen Nenner; das heißt, diese Wahrscheinlichkeit ist eine ungeheuer winzige. Mauthner sagt weiter: «Das ist auf einen Bruch, dessen Zähler 1 ist, dessen Nenner eine ganze Zahl von 600 000 Ziffern. Auch die Einbildungskraft der Inder» — die Mauthner für sehr groß hält -, «auch das mathematische Genie des Archimedes könnte diesen Nenner nicht fassen. Seine Zahl ist namenlos. Also waren die Griechen und Römer im Recht, wenn sie die zufällige Herstellung eines wohlgeordneten Ganzen für äußerst unwahrscheinlich erklärten. Die Grenze der Unmöglichkeit ist erreicht.» Aber nur für das menschliche Vorstellen — meint er. Man kann sich das nicht vorstellen, daß der «Faust» auf diese Weise entstände. «Und die Griechen und Römer hätten auch den Schluß, daß also die sinnreiche Herstellung des «Faust» durch einen Schöpfer höchstwahrscheinlich oder so gut wie gewiß sei, mit dem gleichen Rechte auf die Existenz eines Weltschöpfers übertragen können, wenn nur diese Übertragung oder Metapher, wenn nur die ganze Fragestellung nicht so unsäglich albern wäre. Nichts liegt mir ja ferner als der Glaube an die zufällige Entstehung auch nur des Wunderbaues einer Mücke im Sinne des Materialismus. Durch materiellen Zufall ist die Entstehung einer Mücke ebenso unwahrscheinlich, wie die des «Faust». Der Darwinismus hat an den Unbegreiflichkeiten wirklich nicht viel geändert. Aber die Kopfarbeit des lieben Gottes, der nicht dreimal hunderttausend Elemente oder Buchstaben (mit Wiederholungen), sondern die Elemente der Welt unendlich mal (mit Wiederholungen) zu ordnen gehabt hätte, ist für Menschenvorstellung — wir haben wirklich keine andere — doch womöglich noch unwahrscheinlicher als eine zufällige Entstehung des «Faust». Ich mag meine Rechnerei nicht auf den Grad der Unwahrscheinlichkeit einer Weltregierung und einer Vorsehung ausdehnen.»
Cite:
GA 163/1915-08-23/p013 · edition original