{"corpus":"steiner","locus":"GA 163/1915-08-23/p017","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Versuchen wir jetzt, die wir in der Geisteswissenschaft nicht bloß danach streben, dies oder jenes zu erkennen, sondern auch richtig zu denken, das heißt, überall die Faktoren in Betracht zu ziehen, die zu einem richtigen Gedankengang führen können, entsprechend dem Ernste der Geisteswissenschaft uns mit diesem Gedankengang auseinanderzusetzen. Nehmen wir den Satz noch einmal auf: Die Wahruscheinlichkeit, daß zufällig aus einem Setzerkasten heraus der Goethesche «Faust» entstehe, ist so klein, daß sie sich als 1 gebrochen durch eine Zahl von 600 000 Ziffern darstellt. Die Wahrscheinlichkeit, daß die Welt durch einen solchen Urzufall entstanden ist, wäre selbstverständlich unsäglichmal kleiner. Aber der ganze «Faust» ist doch entstanden! Ist er denn auf die Weise entstanden, daß Goethe — sagen wir jetzt statt «der liebe Gott» «der liebe Goethe» - in seinem Kopfe die Gesetze gehabt hat, die aus dem Setzerkasten heraus nach den Prinzipien des Setzens die 300 000 Buchstaben zusammenordneten, so daß sie nun soldatenmäßig, reihenweise den «Faust» bildeten? Hat er denn an die Gesetze gedacht, wie man da hineingreifen muß, daß man die richtigen Buchstaben findet? - Nein! Wenn wir an die Entstehung der Goetheschen «Faust» denken, so hat die gar nichts zu tun mit dem Zusammenwürfeln! Der tut etwas ganz anderes, der den Goetheschen «Faust» entstehen läßt! Der käme gar nicht dazu, daran zu denken, daß sich aus 300000 Buchstaben der «Faust» zusammenwürfelt! Goethe brauchte nicht im entferntesten irgend etwas zu wissen, wie sich aus 300000 Buchstaben zusammenwürfeln ließe der «Faust», und er machte ihn doch! So könnten und müßten wir uns einerseits das Chaos denken, in dem meinetwillen die Dinge in wilder Weise durcheinandergewürfelt sind, und andererseits, daß der liebe Gott im Kopf all die verschiedenen Gesetze hätte, wenn er die Welt in der Weise zusammenwürfeln würde, wie Goethe den «Faust» zusammengewürfelt hätte, wenn er sich vor den Setzerkasten gestellt hätte! Aber der liebe Gott machte das ja ebensowenig, wie Goethe seinen «Faust» eben nicht zusammengewürfelt hat. Es hat das, was wir uns in der Seele des Gottes zu denken haben, gar nichts zu tun mit dem ganzen Gedankengang vom Zusammenwürfeln, ebensowenig wie die Entstehung von Goethes «Faust» etwas zu tun hat mit dieser ganzen ungeheuer gelehrt gedachten Art des Zusammenwürfelns. Das heißt: Dieser ganze Gedankengang führt auf eine absolute Unmöglichkeit! Er ist geistvoll, er ist richtig, er ist gewissenhaft, alles das ist er, aber er führt auf eine Unmöglichkeit! Das beruht darauf, daß hier ein gewissenhafter Mensch einen Gedankengang aufnimmt, ihn weiterspinnt, aber während des Gedankenganges verliert er die realen Faktoren, die ihn zu einem wirklichen, richtigen Ende kommen ließen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Erster Vortrag","site_heading":null,"date":"1915-08-23","location":null,"word_count":423,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/163/1915-08-23/p017","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/163/1915-08-23/p017"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/163/1915-08-23/p017","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}