Erster Vortrag
Die Sache ist viel wichtiger, als man zunächst denken mag, denn sie zeigt uns eben, daß es außerordentlich schwierig ist zuweilen, selbst wenn man noch so wissenschaftlich arbeitet, während eines Gedankenganges nicht die Möglichkeit zu verlieren, richtig zu denken. Und das müssen wir in unsere Empfindungen, in unsere Gefühle aufnehmen. Wir müssen wirklich gerade an einer solchen Sache viel, viel lernen. Zweierlei ist für uns notwendig, wenn wir uns eine solche Sache vor die Seele führen. Das eine ist, daß wir an solch eklatantem Beispiel uns erziehen zu einem Wissen davon, daß Wahrheitssuchen schwierig ist, und daß der Mensch wirklich sehr, sehr nötig hat, sich ein Gefühl davon zu verschaffen, daß nicht jeder beliebige Gedankengang, der uns auf den ersten Anhieb noch so richtig erscheint, auch wirklich schon ein wahrer Gedankengang ist. Je mehr wir uns durchdringen können damit, daß wir die Empfindung haben: Wir können irren, wir können bei der größten Gewissenhaftigkeit irren, desto mehr werden wir abkommen von dem heute so vielfach verbreiteten Prinzip des Sich-Versteifens auf seine eigene Meinung, des, ich möchte sagen, starrköpfigen Festhaltens des einen oder des anderen, das wir als richtig angesehen haben. Heute trifft man ja nichts öfter als den Fall, daß Menschen auftreten, die sagen: Dies und dies halte ich für richtig! — Und das ausschlaggebende Gefühl, das man oftmals gegenüber solchen Menschen hat, ist das: Wie glücklich und wie einfältig ist der Mensch zugleich! Glücklich, weil er gar keine Ahnung davon hat, was es heißt, an irgend etwas, was man sich ausgedacht hat, zu glauben; und wie einfältig, weil er keine Ahnung davon hat, wie weit abstehend dabei etwas von der wahren Wirklichkeit sein kann. Auf der anderen Seite muß es uns aber klar sein, daß diese Erkenntnis uns nicht deprimieren darf. Ganz bescheiden wird uns diese Erkenntnis machen; aber sie wird uns auch nicht zur Melancholie treiben, etwa zu einer Verzweiflung an dem Menschenleben, weil doch die Erkenntnis der Wahrheit so schwierig ist. Denn wir wissen, daß dieses Leben der menschlichen Seele ein unendliches ist, und daß dieses Leben der menschlichen Seele ein Suchen sein muß, daß es daher sogar einer guten, weisen Einrichtung entsprechen könnte, daß das Wahrheitssuchen schwierig ist. Und wir werden sehen, daß darauf das Leben beruht. Der Tod würde sogleich da sein für unsere Seele, wenn das Wahrheitssuchen leicht wäre, wenn es wirklich so wäre, wie viele Menschen glauben, daß man die Wahrheit leicht finden könnte; wenn es so wäre, wie manche Menschen glauben, die da herkommen und sagen: Ich habe jetzt erkannt, man muß das Leben so und so einrichten, dann kann die ganze Welt beglückt werden! Wenn das so wäre, daß man in bezug auf die Differenziertheit der ganzen Welt so leicht die Wahrheit finden könnte, wie die meisten Menschen glauben, dann würde das der Tod der Seele sein; denn das Leben der Seele beruht eben darauf, daß man nicht in solcher Totalität die Wahrheit finden kann, sondern daß man die Wahrheit langsam suchen muß und daß man höchst bescheiden bleiben muß beim langsamen, stückweisen Verfolgen des Wahren. Der Irrtum ist um so mehr möglich, je umfassender die Wahrheiten sein sollen, die wir suchen. Daher ist natürlich hier einem der gelehrtesten Herren, ich möchte sagen, ein kindlicher Irrtum unterlaufen, den ich Ihnen ja gezeigt habe, indem das Weltproblem geradezu auf Zufall und Vorsehung hin gedeutet werden sollte.
Cite:
GA 163/1915-08-23/p018 · edition original