Erster Vortrag

GA 163/1915-08-23/p020 ·1915-08-23 · original (original)
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So ein Mann wie Fritz Mauthner -— und es sind viele, die heute in seinem Sinne denken - denkt viel typischer, als man glauben könnte. Im Sinne der heutigen Anschauungsweise sind die Bände des «Philosophischen Wörterbuches» mustergültig. Sie geben wirklich die Sache so, wie eben die meisten heute denken, die von dem heutigen Denken nicht abkommen wollen, etwa in der Richtung, wie die Geisteswissenschaft davon abkommen will. Solche Leute wie Fritz Mauthner sagen: Wir bekommen nach der einen Seite die unmögliche Idee heraus, daß durch Zufall die Welt entstanden ist —, denn dies hat eine so geringe Wahtrscheinlichkeit, wie ich Ihnen angedeutet habe. Aber der andere Begriff, der Begriff eines allweisen Gottes, ist ebenso unmöglich; denn das ist für unsere Menschenköpfe unmöglich zu fassen, daß es einen Gott gibt, einen lieben Gott, der nun dies alles in seinem Kopfe bildet, was er braucht, um aus dem Chaos heraus die einzelnen Buchstaben der Welt zusammenzufügen. Früher, meint Fritz Mauthner, waren die Menschen so, daß sie mit Begriffen wie «Zufall» und «Vorsehung» gewirtschaftet haben. Aber wir, meint er, sind nun über diese Dinge hinaus, denn wir wissen ja heute, daß solche Begriffe wie «Zufall» und «Vorsehung» überhaupt keine Weltbedeutung, keine objektive Bedeutung haben, sondern nur Begriffe des menschlichen Kopfes sind, nur für den Menschen eine Bedeutung haben. Darin wird gerade die Kritik gesehen, daß man solche Begriffe nicht mehr auf die Welt anwendet. Diese Leute sagen immer: Seht, früher waren die Menschen so kindisch; sie haben auf der einen Seite von «göttlicher Vorsehung», auf der anderen Seite von dem Begriff «Zufall» gesprochen. Sowohl den Begriff des Zufalls wie den Begriff einer göttlichen Vorsehung müssen wir als nur im menschlichen Denken liegend, als auf die Welt gar nicht anwendbar, annehmen! — Auf welchem Boden stehen denn diese Kritiker? Sie sagen: Wenn wir die ganze philosophische Entwickelung, diese ganze philosophische Art, die viele Philosophen getrieben haben, überschauen - und Mauthner hat sich wirklich fest hingesetzt und die Philosophen der Welt studiert, er kennt sie alle, soweit man sie kennen kann in einem Menschenleben -, so sehen wir, wie sie sich bemüht haben, Begriffe zu finden. Aber das sind alles nur Menschenbegriffe, die nicht anwendbar sind auf die Wirklichkeit! Dem Begriff von göttlicher Vorsehung entspricht keine Wirklichkeit. Und so schließt denn der Artikel «Zufall» damit, daß er etwa sagt: Früher hat man göttliche Vorsehung, Weltordnung, Weltharmonie, Weltschönheit als Begriffe angesehen, die man etwa so aufgefaßt hat: Es gibt etwas Zufälliges in der Welt -; aber die Welt zeigt eine Ordnung, die Welt zeigt auch eine Schönheit. Und Mauthner schließt den Artikel «Zufall» : «Wir aber wissen, daß der Zufallsbegriff Menschenwerk ist. Menschenwerk auch der Schönheitsbegriff und der Ordnungsbegriff. Menschenwerk der Gottesbegriff. Menschenwerk der Ursachbegriff.» Das heißt: Wir wissen alle, daß diese wichtigen Begriffe Menschenwerk sind, keine objektive Bedeutung haben. «Da ist es für uns der Gipfel wortabergläubischer Menschlichkeit, die Frage auch nur zu stellen und sie nun gar durch ein kindisches Gleichnis beantworten zu wollen: ob der Zufall oder Gott die Ursache der Weltordnung und der Weltschönheit sei.»

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