Zweiter Vortrag
Die Sonne muß gewisse Stunden hindurch Tag bilden, gewisse Stunden hindurch Nacht bilden. Der Mensch kann aber ganz gut die Sache in der Weise durchbrechen, indem er entweder wie der Rentier, der einschläft, auch wenn er nicht gerade ermüdet ist, sondern das Gegenteil davon sein müßte, einfach willkürlich sein Interesse sich selber zuwendet, sich genießt, recht seinen Leib genießt, oder aber, indem er, wie der Student, wenn er unmittelbar vor dem Examen steht und sehr viel zu ochsen hat, wiederum aus seiner Willkür heraus mancherlei überwinden kann in bezug auf das Schlafen. Mancher Student schläft da manchmal vor dem Examen recht wenig. Aber das hängt überhaupt mit den großen Fragen zusammen, die uns jetzt immer wieder und wiederum beschäftigen werden, mit den Fragen nach Notwendigkeit, wie wir sie in der äußeren Natur finden, nach Zufall, wovon wir oftmals sprechen, sowohl in der äußeren Natur, wie auch im menschlichen Leben, und nach der Vorsehung, von der wir der ganzen Welt gegenüber zu sprechen haben. — Sobald wir ins menschliche Leben hereinkommen, sehen wir etwas in das Feld der Notwendigkeit hereintreten, etwas, das «notwendig» ist, wenn der Mensch überhaupt sein Wesen haben soll in der Welt. Davon werden wir jetzt mancherlei zu sprechen haben.
Cite:
GA 163/1915-08-27/p015 · edition original