Zweiter Vortrag
Nun habe ich Ihnen das, was ich Ihnen gesagt habe, nicht nur aus dem Grunde gesagt, um darauf hinzudeuten — nicht nur, sage ich, natürlich auch aus diesem Grunde -, daß man den richtigen Gesichtspunkt suchen muß gegenüber den Wechselzuständen zwischen Schlafen und Wachen. Dieser richtige Gesichtspunkt ist, daß man fragt: Wie ist das Bewußtsein geartet im Wachen? — und darauf antwortet: Das Bewußtsein ist so geartet, daß das Objekt zunächst nicht der Mensch selber ist, sondern die Außenwelt, daß der Mensch sich vergißt und die Außenwelt in sich aufnimmt; daß dagegen die Bewußtseinsartung während des Schlafes so ist, daß er die Außenwelt vergißt und sich betrachtet. Aber er ist im Schlaf mit seinem Bewußtseinszustand erst beim Sonnenbewußtsein angekommen. Es ist nur ein untergeotdneter Zustand, sich selbst zu genießen. — Aber nicht bloß aus diesem Grunde habe ich an diesen Gesichtspunkt angeknüpft, sondern um darauf aufmerksam zu machen, daß es etwas darauf ankommt, überhaupt die Aufmerksamkeit hinzulenken darauf, wie das Bewußtsein sich in verschiedener Art stellt zu der Welt, und wie man gewisse Dinge vor allem in ihrer Wesenhaftigkeit nur dadurch erkennen kann, daß man nach der Artung des Bewußtseins frägt. So wird es ganz unmöglich sein, irgend etwas Besonderes zu wissen über den Aufbau der hierarchischen Ordnung der höheren geistigen Wesenheiten, wenn man nicht auf das Bewußtsein dieser höheren geistigen Wesenheiten eingeht. Nehmen Sie die verschiedenen Vortragszyklen durch und Sie werden sehen, was da für Mühe genommen worden ist, um zu erklären, wie das Bewußtsein der Angeloi und Archangeloi und so weiter ist. Denn darauf kommt es an, bei einer Sache wirklich darauf zu achten, von welchem Ausgangspunkt diese Sache verstanden wird. Es könnte jemand kommen und sagen: Ich kann ganz gut verstehen, wie es mit den Hierarchien beschaffen ist: Da ist zuerst der Mensch, dann höher sind die Angeloi, noch höher die Archangeloi, noch höher die Archai und so weiter. Er kann das nacheinander aufschreiben: Archai, Archangeloi, Angeloi, und sagen: Ich verstehe das ganz gut, jedes von diesen ist immer höher. — Ja, wenn man nur weiß, daß jedes von dem hier Aufgezeichneten höher ist, so weiß man über die Stufenfolge der Hierarchie genau soviel, wie man auch über die Aufeinanderfolge der Stockwerke bei einem Haus weiß; denn von den übereinanderliegenden Stockwerken bei einem Haus weiß man auch, daß sie aufeinanderliegen. Man könnte genau dieselbe Zeichnung entwerfen. Es handelt sich wirklich darum, bei einer jeden Sache auf das zu achten, worauf es ankommt. Man weiß wirklich etwas über diese höheren Wesen, wenn man weiß, in welchem Bewußtseinszustand jedes dieser Wesen lebt, wenn man versucht, dieses zu schildern. Das ist das, was man ins Auge fassen muß.
Cite:
GA 163/1915-08-27/p016 · edition original