Zweiter Vortrag
So greift das, was wir an Begriffen und Ideen aus der Geisteswissenschaft gewinnen können, wirklich in das Leben ein, lehrt uns, feine, subjektive Unterschiede im Leben erkennen, wenn man nur nicht auf die gewöhnliche Art wie sonst im Leben diese Unterschiede kennenlernen will, sondern wenn man sich klar ist darüber, daß die ernstliche Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft uns gleichsam diesen Lebenstakt gibt. Aber es muß dann die ernstliche Beschäftigung mit dieser Geisteswissenschaft da sein. Die ist natürlich dann nicht vorhanden, wenn man die Empfindungen und Triebe und Instinkte, die man sonst draußen im Leben gehabt hat, auch in die Geisteswissenschaft hineinträgt. Dann passiert es einem, daß man, ich möchte sagen, aus der Geisteswissenschaft auch nicht viel mehr gewinnt als aus irgendeiner anderen gleichgültigen Erkenntnismitteilung. Und so kann es dann vorkommen - ich habe ja gesagt, daß es Nuancen des Bewußtseins gibt und daß innerhalb des Wachens dann Nuancen liegen, die sich dem Schlafe nähern -, daß man Geisteswissenschaft aufnimmt, aber keine rechte Neigung hat, auf gewisse Einzelheiten, Subtilitäten einzugehen, weil man daran ein solches Interesse nimmt, wie ich das vorhin vom Rentier in bezug auf den Vortrag gesagt habe. Man liest zwar gerne Zyklen oder Bücher, aber man liest doch so, daß an gewissen Stellen dieses Bewußtsein herabsinkt, daß es einduselt, eindöst. Man fühlt nicht recht die Selbstverpflichtung, über solche Dinge hinwegzukommen.
Cite:
GA 163/1915-08-27/p024 · edition original