Dritter Vortrag
Man denke sich nur, daß eine Natur wie Faust aus irgendwelchen Untergründen heraus kommen müßte zu einem ähnlichen Bekenntnisse wie Fritz Mauthner. Fritz Mauthner ist selbstverständlich nicht faustisch genug, um jene Konsequenz zu empfinden, die Faust empfinden würde, wenn er sich eines Tages gestehen müßte: Ich kann keinen Unterschied erkennen zwischen der Tatsache, daß Cäsar an seinen Platz in der Geschichte hingestellt worden ist, und der Tatsache, daß ich «in einer Stunde eine Zigarre mehr rauchte als sonst». — Denken Sie sich nur einmal in das Faust-Gemüt hinein die Frage gestellt von dem Gesichtspunkte aus, der hier durch Fritz Mauthner geltend gemacht worden ist gerade fürs geschichtliche Werden. Ich bin so notwendig im Gang der Entwickelung der Welt - hätte sich Faust sagen müssen -, wie es notwendig ist, daß Fritz Mauthner einmal in einer Stunde eine Zigarre mehr raucht. Man nimmt eben die Dinge gewöhnlich nicht ernst genug, sonst würde man einsehen, was das für das menschliche Leben für eine Bedeutung hat, daß einer, der alles wissenschaftliche Gewissen der Gegenwart zusammennimmt, sagt: Man kann heute mit den Mitteln der gegenwärtigen Wissenschaft nicht unterscheiden zwischen der Tatsache, daß Cäsar gelebt hat, und der Tatsache, daß Mauthner in einer Stunde eine Zigarre mehr als sonst geraucht hat; man kann nicht den Notwendigkeitswert des einen von dem Notwendigkeitswert des anderen unterscheiden.
Cite:
GA 163/1915-08-28/p011 · edition original