Dritter Vortrag
So daß wir eigentlich nicht bloß zwei scharf ausgeprägte Bewußtseinsunterschiede haben, sondern drei. Die Erinnerung ist wirklich ein vertieftes, ein verstärktes Tagesbewußtsein. Denn in der Erinnerung erkennen wir nicht bloß etwas, sondern wir erkennen etwas wieder, und das ist das Wichtige. Erinnerung hat ja nur einen Sinn, wenn wir etwas wiedererkennen. Denken Sie sich nur einmal: Wenn ich einen von Ihnen, den ich früher gesehen habe, heute wieder treffe, und ich sehe ihn nur, ich weiß aber nicht, daß er derselbe ist, den ich schon getroffen habe, dann ist es keine wirkliche Erinnerung. Erinnerung ist Wiedererkennen. Und die Geisteswissenschaft zeigt uns auch: Während unser gewöhnliches Tagesbewußtsein, also dieses Erkennen der Außenwelt, auf der höchsten Stufe der Vollkommenheit ist, ist unser Erinnern eigentlich gerade im Anfang seiner Entwickelung. Das Erinnern muß sich immer weiter und weiter ausbilden. Das Erinnern ist, wenn wir vergleichsweise sprechen dürfen, eine noch recht schläfrige Eigenschaft des menschlichen Bewußtseins, und wenn die Erinnerungskraft weiter ausgebildet sein wird, dann wird zu dem jetzigen Erleben etwas anderes hinzukommen, nämlich das Erleben, das innerliche Erleben früherer Inkarnationen. Das Erleben früherer Inkarnationen beruht auf einer Erhöhung des Erinnerungsvermögens, denn das muß unter allen Umständen ein Wiedererkennen sein. Es muß dieses Wiedererkennen unter allen Umständen den Weg durch das Innere durchmachen. Die Erinnerung ist eine Seelenkraft, die erst im Anfang ist.
Cite:
GA 163/1915-08-28/p025 · edition original