Sechster Vortrag
Ich will davon ausgehen, daß wir ja aus verschiedenen geisteswissenschaftlichen Betrachtungen wissen, wie ferne der Realität im Grunde genommen das steht, was man im gewöhnlichen Leben die Erkenntnis, die Wahrheit, was man die Vorstellungswelt, die man auf dem physischen Plan hat, nennt. Die Menschen sind sogar froh, wenn diese Erkenntnisse, diese Vorstellungswelten, die man auf dem physischen Plane hat, nicht irgend etwas hinzubringen zur Wirklichkeit. Darin sehen die Menschen «die Treue» der Erkenntnis, darin sehen sie «die ungeschminkte Wahrheit», daß wir durch unseren Erkenntnisprozeß selbst, durch das, was wir in der Seele durchleben an den Dingen, nichts zu den Dingen hinzubringen. Denken wir nur einmal daran, wie sorgfältig in ihrer Art heute die Naturwissenschaft darauf bedacht sein will, daß ja nichts aus der Seele heraus komme, wenn sie über die Welt spricht, sondern daß alles nur ein Abbild ist desjenigen, was sich draußen abspielt. Bedenken wir, wie diejenigen, die sich irgendwie aus allen möglichen Träumereien eine Weltanschauung zusammenzimmern, bemüht sind zu zeigen, daß das, was sie sich ausdenken, gar nicht aus ihnen selber stammt, sondern daß es ihnen diktiert ist von irgendeiner außer ihnen befindlichen Wirklichkeit. Das geht herauf bis zu dem Quell jener angeblichen mehr oder weniger wertvollen «okkulten Erkenntnisse», von denen diese oder jene Leute sprechen. Im Grunde bemühen sich auch diejenigen, die okkulte Erkenntnisse haben wollen hier auf dem physischen Plan, hauptsächlich darum, daß sie selber nichts tun zu dem, was sie da als Vorstellungen entwickeln. Wie stolz sind oft solche Leute, wenn sie sagen können: Diese oder jene Wesenheiten sind ihnen erschienen, das oder jenes ist ihnen «diktiert» worden, das oder jenes ist auf geheimnisvolle Weise ihrem geistigen Ohr mitgeteilt worden. -— Dann sind die Leute zufrieden, denn dann haben sie das Gefühl, daß sie gewissermaßen in den Vorstellungen, die sie geschaffen haben, nur einen Abklatsch der Wirklichkeit gegeben haben, daß sie nichts selber hervorgebracht haben. Man könnte sagen: die Menschen bemühen sich um der Treue der Erkenntnis willen, die sie anstreben, diese Erkenntnis selbst so recht das fünfte Rad am Wagen sein zu lassen. Erkenntnis soll gar nichts dazu tun zu dem, was schon da ist, dann sieht man sie als besonders treu, als besonders richtig an.
Cite:
GA 163/1915-09-04/p011 · edition original