Sechster Vortrag
Dagegen muß man sich bei den Wesenheiten, die innere Verwandtschaft jetzt nicht mit dem Irdischen, sondern mit dem Wässerigen haben, mit alledem, was dem Wasser gleich sich regt und rieselt mag man sie Undinen nennen oder wie immer -, etwas anderes vergegenwärtigen. Man kann auch eine Pflanze nicht begreifen, wenn man sie bloß anschaut und ein Bild von ihr macht, so wie sie irgendeinmal ist, denn sonst könnte man ja auch eine Pflanze aus Papiermaché nur haben. Das, was man im Bewußtsein hat, wenn man nur einmal eine Pflanze anschaut und in seiner Vorstellung die Pflanze nachbildet, gibt von der Pflanze gar kein Bild in Wirklichkeit. Geradeso ist es bei diesen Wesenheiten. Von der Pflanze hat man nur ein Bild, wenn man sie kennt, wie sie zuerst als Wurzel da ist, dann die ersten Triebe entfaltet, wie sie den Stamm heraustreibt, die Blätter bekommt, wie sie die Blüten bekommt, wie die Blüten wieder abwelken, wie die Pflanze die Früchte entwickelt und so weiter. Werdend, sagt Goethe in seinem schönen Gedicht von der Metamorphose der Pflanzen, muß man die Pflanze betrachten. In der Pflanze leben außer dem, was die Pflanze selber ist, noch andere elementarische Wesenheiten, in der Pflanze leben die beweglichen Elementarwesen, die innige Verwandtschaft haben mit dem sich gestaltenden, rieselnden, sich regenden Wasser.
Cite:
GA 163/1915-09-04/p028 · edition original