Der Baum Der Erkenntnis Und Der Weihnachtsbaum Die Weihnachtsstimmung In Stifters Novelle «Bergkristall»
Nicht Theorien will ich hier entwickeln, dazu ist der Festestag heute nicht da. Gewiß, man kann anderes sagen über die Gründe des Aufkommens des Weihnachtsbaumes, aber aus dem Gefühle heraus, wie es sich uns ergeben könnte, indem wir neben ihm stehen, indem wir aufleuchten lassen in unserer Seele gerade diejenigen Empfindungen, die uns an diesem Feste verbinden mit den kindlichsten Empfindungen des Menschen, aus diesem Gefühle heraus möchte man im Anschauen des Weihnachtsbaumes sprechen, weil man an ihm etwas sieht wie eine Erneuerung des Paradiesesbaumes. Wie ein heidnisches Symbolum nimmt sich ja dieser Weihnachtsbaum eigentlich nicht aus, auch nicht wie ein nordisch-heidnisches Symbolum. Wenn unsere Erde sich mit Schnee bedeckt, wenn die Eiszapfen von den Dachrändern der Häuser und über die Bäume hin hinunterhängen und die Menschen sich hereinflüchten aus denjenigen Gebieten der Erde, wo durch Monate hindurch das Grün und die bunte Blumenwelt das Auge entzückt, die Früchte sich dargeboten haben, die für des Menschen Notdurft nötig sind, wenn der Mensch sich hereinflüchten muß aus alldem, was draußen, zunächst wenigstens, nach seiner Empfindung für ihn da ist, mit dem er sich zu beschäftigen, womit er zu leben hat die Frühlingszeit, die Soemmerszeit hindurch, wenn er sich hereinflüchten muß in jene Stuben, durch die der Schnee hereinschaut, die Eiszapfen hereinschauen, und von innen aus sie erwärmen muß, dann empfand der Heide wohl etwas von dem, was werden könnte aus der Welt, wenn diese Welt sich selbst überlassen ist. Den großen Winter am Ende des Erdenseins empfand der Heide, wenn er so verlassen war von den Geistern der Natur, von alldem, was er als Gnomen, Undinen und Sylphen fühlte, wenn er fliehen mußte in die Ofenwärme herein, fliehen mußte von dem, was ihn verlassen machte von seiner geliebten Natur, und er nur durch eine geringfügige Offnung dasjenige erblickte, worin man nicht sein konnte. Wenn er diese Verlassenheit erleben konnte, so fühlte er in dieser Winterzeit ins Unendliche ausgebreitet, alles überschwemmend, alles übertönend, das Ende des Erdendaseins, den großen Weltenwinter.
Cite:
GA 165/1915-12-28_02/p004 · edition original