{"corpus":"steiner","locus":"GA 165/1916-01-16/p006","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Nun will ich von einem Manne ausgehen, der versuchte, in den ersten Jahrhunderten des Christentums gewissermaßen die Strömungen aufzuhalten, die von der luziferisch gewordenen Gnosis kamen, und von diesem Gesichtspunkt aus das Mysterium von Golgatha erfassen wollte. Das ist Tertullian. Er stammte aus Nordafrika, war gelehrt in Angelegenheiten der heidnischen Weisheit. Etwa gegen das Ende des 2. Jahrhunderts nach dem Mysterium von Golgatha trat er zum Christentum über und wurde einer der gelehrtesten Theologen seiner Zeit. Nun ist es ganz besonders interessant, ihn ein wenig zu betrachten, aus dem Grunde, weil er aus seinem Studium der alten heidnischen Weisheit noch etwas von einem inneren Verständnis der alten hellseherischen Begriffswelt hatte, und auf der andern Seite, weil er - seine Bekehrungsgeschichte zeigt das — ganz den christlichen Impuls in sich hatte und gewissermaßen beides so vereinigen wollte, daß das Christentum dadurch voll bestehen könnte. Dazu mußte er das zurückdrängen, was er als luziferisch angehauchte Gnosis bei Basilides, bei Marcion und andern empfand. Und nun tauchten ihm bestimmte Fragen auf. Aus einem ganz bestimmten Grunde tauchten dem Tertullian diese Fragen auf. Sehen Sie, indem wir heute mit der Geisteswissenschaft beginnen, reden wir sehr häufig von der Gliederung der menschlichen Natur, von der Art und Weise, wie der Mensch zuerst seinen dichten physischen Leib hat, den Augen sehen, Hände greifen können; wie dann ein Ätherleib da ist, wie ein astralischer Leib da ist, eine Empfindungsseele und so weiter. Das heißt, wir suchen vor allen Dingen die Konstitution der menschlichen Natur zu erkennen. Aber wenn Sie die geschichtliche Entwickelung des geistigen Lebens in den Jahrhunderten seit dem Mysterium von Golgatha verfolgen, so werden Sie nirgends finden, daß man in einer solchen Art bis in die heutige Zeit herauf, äußerlich, wie wir es zu tun haben, die Konstitution des Menschen betrachtete. Das ging verloren und war schon verloren, als das Mysterium von Golgatha eintrat. Diejenigen, an die der Impuls des Mysteriums von Golgatha herantrat, wußten nichts mehr von dieser Gliederung des Menschen. Das aber ergab für sie eine ganz bestimmte Schwierigkeit. Um diese Schwierigkeit zu erkennen, meine lieben Freunde, versuchen Sie einmal, an Ihr eigenes Herz, an Ihre eigene Seele anzuknüpfen, um sich etwas zu fragen. Sie wissen, wir haben in der verschiedensten Weise versucht, die Art, wie der Christus durch den Jesus in die Entwickelung der Erde eingegriffen hat, uns klarzumachen. Aber versuchen Sie einmal, wie es Ihnen ergangen wäre, die ganze Sache zu verstehen, wie der Christus die Glieder in dem Jesus durchdrungen hat, wenn Sie von der ganzen Konstitution, von der Wesenheit des Menschen nichts gewußt hätten! Dadurch allein wurde verständlich, wie der Christus als eine Art kosmischen Ichs die Leiber durchdringt, daß Sie erst etwas von diesen Leibern wußten. Für denjenigen, der ein Christus-Verständnis in der Zukunft suchen wird, wird die Kenntnis von der Gliederung des Menschen die wesentliche Vorbereitung sein müssen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Zweiter Vortrag","site_heading":null,"date":"1916-01-16","location":null,"word_count":471,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/165/1916-01-16/p006","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/165/1916-01-16/p006"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/165/1916-01-16/p006","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}