Zweiter Vortrag

GA 165/1916-01-16/p023 ·1916-01-16 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Tertullian stand also, ich will nicht sagen, bewußt, aber empfindungsgemäß und unbewußt vor der großen Rätselfrage, wieweit denn das Denken gilt, das der Natur, den Naturerscheinungen angepaßt ist. Und er hielt dem Marcion entgegen: Wenn man nur das Denken, das den Menschen plausibel erscheint, anwendet, dann kann man das behaupten, was Marcion sagt. Aber mit dem Mysterium von Golgatha ist etwas in die Weltentwickelung eingetreten, worauf dieses Denken nicht anwendbar ist, wozu man andere Begriffe braucht. — Daher bildete er das Wort: Es nötigen uns diese höheren Begriffe, die sich auf das Göttliche beziehen, zu glauben, was für das Endliche absurd ist. Man muß schon wirklich, um dem Tertullian nicht unrecht zu tun, nicht bloß den Satz zitieren: Ich glaube was absurd ist, was sich nicht beweisen läßt -, sondern man muß diesen Satz doch im ganzen Zusammenhang, in dem er steht und den ich so jetzt etwas verständlich machen wollte, anführen. Das war das hauptsächlichste Problem, das nun Tertullian beschäftigte: Wie ist die göttliche Christus-Natur mit der menschlichen Jesus-Natur verbunden? — Und da war er sich klar darüber: menschliche Begriffe taugen für das Erfassen dessen, was sich mit dem Mysterium von Golgatha abgespielt hat, nicht. Menschliche Begriffe führen immer dazu, daß man das Spirituelle, das man von dem Christus erfaßt hat, nicht verbinden kann mit dem, was man als Erdengeschichte in bezug auf den Jesus erfassen muß. Aber, wie gesagt, Tertullian fehlte die Möglichkeit, aus der Konstitution des Menschen, wie wir sie heute wiederum zu erfassen versuchen, das Problem zu begreifen. Dadurch brachte er es zunächst nur dazu, zuerst einmal, ich möchte sagen, das Surrogat für jenen Begriff zu finden, den wir uns ausbilden, wenn wir uns etwas an einer bestimmten Stelle unserer geisteswissenschaftlichen Erkenntnis klarmachen wollen.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/165/1916-01-16/p023.json
Cite: GA 165/1916-01-16/p023 · edition original