Zweiter Vortrag

GA 165/1916-01-16/p035 ·1916-01-16 · original (original)
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In drei getrennten Strömungen entwickelte sich jetzt innerhalb der abendländischen Kultur dasjenige, was von einer Einheit ausging. Das heißt, eine Strömung war besonders geeignet, den Geist, den Heiligen Geist zu erfassen, eine Strömung mehr den Sohn, den Christus, und eine Strömung mehr den Vater. Und das Kuriose ist dabei, daß immer mehr in getrennten Läufen der Entwickelung sich herausbildet die Heilig Geist-Strömung, die Christus-Strömung, und die Vaterströmung, aber einseitig. Denn natürlich, allseitig kann man es nur durchdringen, wenn man alle drei zusammen hat. Bildet man das, was als Dreiheit zu begreifen ist, so einseitig aus, dann entstehen Schwierigkeiten der Entwickelung; dann bleiben manche Dinge aus, und anderes degeneriert. Nun bildete sich das Folgende: Es trennte sich nach und nach die gemeinsame Entwickelung so, daß deutlich weiterging eine Entwickelungsströmung, welche vorzugsweise nach dem Heiligen Geist hingerichtet ist — nicht als zeitlich erste; die zeitlich erste ist natürlich das Zusammengehen -, und das ist diejenige, die heute noch immer wesentlich verkörpert ist in der russisch-orthodoxen Kirche. So sonderbar das ist, so ist das doch das Wesentliche der russisch-orthodoxen Kirche, daß sie vorzugsweise nur des Heiligen Geistes pflegt. Und Sie werden aus der Art und Weise, wie zum Beispiel Solowjew über Christus spricht, erkennen, daß er vorzugsweise bewandert ist, das Christentum von der Seite des Heiligen Geistes zu fassen. Es kommt nicht darauf an, ob er nun bewußt über Christus spricht oder nicht, sondern, welcher Geist in ihm waltet, welchen Sinn er mit den Dingen verbindet. Auf das Innere kommt es dabei an, insbesondere auch auf die Art und Weise, wie untrennbar er die äußere soziale Ordnung der Kirche im Verhältnis zu dem betrachtet, was gelehrt wird und Kultus ist. Das ist ganz aus dem Wesen des Heiligen Geistes heraus. Die Urkirche hat allerdings dieses bloße Wissen aus dem Heiligen Geist heraus vermeiden wollen, indem sie die Trinität im Credo aufgestellt hat und zu dem Heiligen Geist den Christus und den Vater hinzugefügt hat. Aber diese drei müssen sich — was ja auch Solowjews Ideal ist — wieder zu einer Art Synthesis zusammenfinden.

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Cite: GA 165/1916-01-16/p035 · edition original