Zweiter Vortrag

GA 165/1916-01-16/p036 ·1916-01-16 · original (original)
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Die zweite Strömung war diejenige, die sich mehr dazu ausbildete, den Christus zu pflegen; die zwar allerlei über den Heiligen Geist brachte, aber im wesentlichen den Christus pflegt. Es ist diejenige Kirche, die sich im Abendland von Rom aus weiter verbreitete und die Tendenz hatte, vorzugsweise den Christus zu pflegen. Denken Sie sich, in bezug auf alle Gebiete, wo diese Kirche tätig war, hat sie im Grunde den Christus pflegen wollen; wo Sie hinschauen: den Christus; wo Sie hinschauen, ist diese Kirche bedeutsam in der einseitigen Pflege des mittleren Glaubensartikels des Credos. Nur in der neueren Zeit versucht diese Kirche dann das Vaterprinzip mit zu durchdringen. Aber weil man nicht den eigentlichen inneren Zusammenhang kennt, so bekommt man kein rechtes Verhältnis zwischen dem Christus und dem Vater heraus. Und dieses nicht richtige Erkennen des Verhältnisses zwischen Christus und dem Vater, das ist dasjenige, was alle Diskussionen im modernen Protestantismus verursacht. Es drängt von dem Christus zu dem Vater hin. Wieder gerade in unserer Zeit kann man das beobachten. Die traurigen Ereignisse der Gegenwart haben auch das gebracht, daß einzelne Seelen, vielmehr zahlreiche Seelen, durch diese Ereignisse von religiösem Bewußtsein durchdrungen worden sind; man kann das nachweisen. Aber, sehr wenig herrscht der Christus bei diesem Aufleuchten des neuen religiösen Bewußtseins; viel mehr das Vaterprinzip, das allgemeine Gottesprinzip, womit das Vaterprinzip gemeint ist. Der etwas richtig in der Welt beobachten kann, dem kann das überall auffallen. Ich möchte Ihnen nur ein kleines Symptom schildern. Während unseres letzten Aufenthalts in Berlin starb ein liebes Mitglied, das in Berlin kremiert wurde. Ich stellte die Bedingung — aus den obwaltenden Verhältnissen heraus war es notwendig -, daß ein Pastor sprach. Das war ein sehr lieber Mann, der sehr einverstanden war, daß ich nachher etwas sprach. Aber siehe da, er hielt nun wirklich eine seelenergreifende Rede, und man hatte so das Gefühl, wie er von Gott dem Vater sprach, daß er tief innerlich seelisch sprach. Und die ganze Zeit hörte ich ihm zu und stellte fest: Das ist eigentlich eine Bestätigung desjenigen, was einem im allgemeinen die Geisteswissenschaft zeigen muß: Der Christus ist gepflegt worden, jetzt ist man irre geworden; wenn man vom religiösen Leben spricht, kommt man nurmehr zum Vaterprinzip. — Viele Briefe, die aus dem Felde kommen, deren Schreiber sich religiös vertieften, sie sprechen wenig von Christus, überall von dem Prinzip, das man als das Vaterprinzip ansehen muß. — Wer sich damit beschäftigt, kann dies sehen. - Und dann zum Schluß, weil Weihnachten vor der Türe stand, erwähnte der Pastor den Christus. Das war so an den Haaren herbeigezogen, weil er nun als Christ fand, es könnte sich empfehlen, von Christus zu sprechen. Man konnte gar keinen Anklang und Sinn dabei finden. — Und solche Erscheinungen mehren sich jetzt alle Augenblicke.

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Cite: GA 165/1916-01-16/p036 · edition original