Zweiter Vortrag

GA 165/1916-01-16/p040 ·1916-01-16 · original (original)
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In diesem Sinne wird Geisteswissenschaft so manches im menschlichen Leben begreiflich machen. Indem sie auf diese Weise versucht, immer tiefer hineinzuleuchten in die menschlichen Zusammenhänge, in die Zusammenhänge innerhalb der ganzen Menschheitsentwickelung, steht sie heute natürlich recht unverstanden da. Denn immer mehr und immer deutlicher bildet sich die Zeit heraus in der äußeren Welt, die nichts von Geisteswissenschaft wissen will, eine Zeit, in welcher ein tieferes Verstehen auch des Geschichtlichen gar nicht mehr angestrebt wird; in welcher jeder dem nur nachgeht, was er nach seinem subjektiven Dafürhalten, nach seinen persönlichen Sympathien oder Antipathien eben für wahr halten will. Selbstverständlich muß gerade in einer solchen Zeit Geisteswissenschaft da sein, denn das Pendel der Entwickelung muß nach der andern Seite ausschlagen. Aber ebenso selbstverständlich ist es, daß Geisteswissenschaft in einer solchen Zeit viel mißverstanden werden wird. Und wir müssen wirklich uns klar sein darüber, wie vieles in unserer Zeit lebt dahingehend, daß der Mensch die Objektivität, den Überblick, die Überschau gar nicht sucht, sondern daß er aus seinen Neigungen heraus vorschnell urteilt. Es ist wirklich so, daß im Grunde genommen auf der einen Seite die tiefe Notwendigkeit vorliegen würde, außerordentlich viel aus der geistigen Welt heraus zu sagen, daß es aber außerordentlich schwierig ist, sich gerade in unserer unmittelbaren Gegenwart verständlich zu machen. Niemals so stark wie in unserer unmittelbaren Gegenwart lebten die Menschen gewissermaßen in der allgemeinen Aura, deren sie sich gar nicht bewußt sind. Ich bin tief überzeugt, wenn ich so sage, daß vieles in unserer Zeit ungesagt bleiben muß: Es werden sich viele finden, die das selbstverständlich finden, daß sie nun dazu geeignet sind, vielleicht in einem kleineren Kreise, dasjenige zu hören, was sonst nicht gesagt werden kann. Allein diese Meinung ist ganz irrtümlich. Gewiß können viele die Sehnsucht haben, jetzt manches von dem zu vernehmen, was vielleicht erst in Jahren möglich ist, der Menschheit zu sagen. Aber man muß sich klar sein, daß wir heute in der Zeit leben, wo das Urteil nicht erst gefällt wird, wenn ein Wort mit seiner Bedeutung an unsere Seele herankommt, sondern wo das Urteil schon gefällt ist, bevor das Wort an unsere Seele herankommt. Die Art, wie das Wort aufgenommen wird, ist in unserer Zeit zum größten Teil schon fertig, wenn das Wort ans Ohr klingt und von der Seele noch nicht aufgenommen ist. Man hat nicht mehr die Zeit, nach der Bedeutung zu fragen, so aufgewühlt sind gegenwärtig die Leidenschaften, die Emotionen der Menschen durch die bedrückenden Ereignisse, in die wir hineinversetzt worden sind, und manches Wort konnte nur geduldet werden dadurch, daß es in unserer Gegenwart ausgesprochen wird.

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Cite: GA 165/1916-01-16/p040 · edition original