Zweiter Vortrag

GA 165/1916-01-16/p042 ·1916-01-16 · original (original)
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Diese Worte möchte ich zur Erklärung dessen sprechen, daß manches gerade in den letzten Vorträgen nur andeutungsweise gesagt worden ist. Allein ich möchte noch eines bemerken. Gerade wenn das wahr ist — und es ist ja wahr -, daß wir heute in der Zeit leben, wo das Wort schon zum Urteil geführt hat, bevor es noch an die Seele gekommen ist, so können viele mit dem Werkzeuge dessen, was die Geisteswissenschaft ihnen schon gibt, aus den Ereignissen der Gegenwart vieles lernen. Gerade aus dem, was um uns herum geschieht, kann viel gelernt werden, wenn man es tiefer ansieht, wenn man sieht, wie heute der äußeren Menschheit fast ganz abhandengekommen ist die Möglichkeit, nach irgendeiner Objektivität zu urteilen, wie nur aus den Emotionen heraus die Urteile erfließen, die dasjenige durchziehen, was durch die Kulturwelt gegeben ist. Und wenn man nach dem Grund sieht, warum dies so ist, wenn man diesen Grund schwirren sieht in der Menschenaura der Gegenwart und dann weiß, wie das Wort eben schon ein Urteil ist, bevor es in die Seele kommt, dann kann man gerade mit dem Instrument der Geisteswissenschaft auch aus den Ereignissen der Gegenwart viel lernen. Und lernen sollen wir, wenn wir in die Lage kommen sollen, in Wirklichkeit ein Werkzeug zu werden -als Gesellschaft für diese Geisteswissenschaft. Das Beispiel, das heute angeführt worden ist, wie ein Mensch, der unsere Gesellschaft treffen will, eine vierte Strophe zitiert und die dritte wegläßt, ja, meine lieben Freunde, wenn Sie nach den Gründen der Gegnerschaften, die sich gegen uns erheben, suchen: überall sind sie zu finden. Sie müssen überall in der Oberflächlichkeit gesucht werden, in der ganz ungeheuren Oberflächlichkeit. Überall ist sozusagen eine vierte Strophe gesehen und eine dritte Strophe übersehen, bildlich gesprochen. Nur viele unter uns glauben das noch immer nicht. Viele unter uns glauben noch immer, daß sie gut tun, wenn sie zu dem oder jenem gehen und ihm erzählen: Ich bin doch so geistig geworden durch unsere Geisteswissenschaft, daß ich selbst meinem draußen im Felde kämpfenden Mann vorlese, und ich weiß, daß ihm das hilft. - Dann kommen die Leute selbstverständlich und verwenden das gegen uns. Oder wenn man den Leuten erzählt, was wir hören mußten, was hinausgetragen wurde als die «Nathanaelgeschichte» und so weiter. Daß solche Dinge überhaupt geschehen, daß wirklich aus unserer Mitte diese Dinge hinausgetragen werden, das geschieht zunächst scheinbar aus gutem Willen heraus, aber aus einem guten Willen, der mit einer gewissen Naivität verbunden ist, aber einer Naivität, die grenzenlos hochmütig ist, weil sie sich als Naivität nicht erkennt und nicht erkennen will, sondern sich als Person so wichtig nimmt, daß sie es für das Allernötigste hält, den oder jenen — von dem sie, wenn sie nicht so naiv wäre, wüßte, es ist nichts zu machen — bekehren will. Das ist so unendlich wichtig, daß man einsehen kann, daß zuweilen die Naivität sich in grenzenlosem Hochmut mit einer Mission begabt fühlt. Und niemand nimmt einem in der Regel etwas mehr übel als der Naive, der glaubt, das Allerbeste zu tun, wenn er aus einer gewissen Schwärmerei heraus das Absurde tut.

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Cite: GA 165/1916-01-16/p042 · edition original