Zweiter Vortrag
Von solchen Empfindungen und Gefühlen wollte ich zu Ihren Seelen sprechen, da wir uns jetzt ein paar Wochen nicht treffen werden. Ich wollte Ihnen auch noch in den letzten Stunden vor diesen Wochen, wo wir nicht miteinander sprechen können, ein größeres Tableau geben, dadurch, daß ich aufrollte eine Seite in der ursprünglichen Entwickelung des Christentums und in ihrem Auseinandergehen in verschiedene Strömungen. Ich bin überzeugt davon, wenn Sie über die Entwickelung des Christentums in den bisherigen Jahrhunderten noch so viel studieren, Sie werden an dem, was heute gesagt worden ist, einen Leitfaden haben, der Ihnen unendlich vieles klarmachen wird in den äußeren Erscheinungen. Und in den äußeren Erscheinungen werden Sie umgekehrt, wenn Sie sie wirklich ernsthaft betrachten, überall die Bestätigung für dasjenige finden, was ich heute nur andeuten konnte. So wäre es gut, wenn wir so etwas wie eine Art Meditationsstoff benützen könnten, der uns Probleme und Rätsel vor die Seele stellen kann, deren Lösung wir, jeder nach seinem Vermögen, versuchen können. Selbstverständlich wird der eine das nur mit flüchtigeren Gedanken tun können, minutenweise, dem andern wird es näherliegen, sich mit etwas bekanntzumachen, was Aufklärung bringen kann über dasjenige, worauf da hingedeutet worden ist. Aber eine Anregung kann jeder dann haben, wenn versucht wird, ich möchte sagen, die wellenden Gedanken zu entwickeln, die durch die Jahrhunderte hindurchgehen und die doch wesentlich an dem beteiligt sind, was in der Gegenwart vor uns hintritt, so daß die Notwendigkeit vorliegt, es zu verstehen. Ich weiß, daß in Wirklichkeit niemand unsere leidvolle Gegenwart versteht, der nicht die Gegensätze alle kennenlernt, die auf ganz naturgemäße Weise im Laufe der europäischen Entwickelung heraufgekommen sind. Aber wenn man dasjenige, was heute über die Weltenlage geurteilt wird, mit dem vergleicht, was objektiv richtig ist und nur erkannt werden kann, wenn man all die Kräfte kennt, die in die Entwickelung eingegriffen haben, und die nur die Betrachtung der Geschichte auch in geistiger Beziehung ergeben kann, wenn man die heutigen Urteile mit dem vergleicht, was zum wirklichen Urteil führt, dann bekommt man tief, tief schmerzliche Gefühle. Nicht nur schmerzliche Gefühle über dasjenige, meine lieben Freunde, was heute geschieht, sondern über die Schwierigkeiten, die sich ergeben, um über das hinauszukommen, was heute geschieht. Und es muß hinausgekommen werden! Und je besser Sie einsehen werden, daß ein tiefes geisteswissenschaftliches Erkennen der Entwickelungskräfte der Menschheit auf allen Gebieten notwendig ist, ohne daß wir dabei unsere Emotionen persönlicher Art mitsprechen lassen, je mehr ein solches Erkennen der Entwickelungsimpulse durch die Geisteswissenschaft erstrebt wird, je mehr Sie erkennen, wie wichtig es ist, durch die Geisteswissenschaft diese Impulse zu erkennen und in Ihrer Seele zu beleben, desto besser werden Sie zu denjenigen Seelen gehören, die feststehen können auf dem Boden, auf dem heute festgestanden werden muß, wenn das erreicht werden soll, was eigentlich vermöge einer inneren, notwendigen Forderung der menschlichen Entwickelungsgeheimnisse geschehen muß.
Cite:
GA 165/1916-01-16/p044 · edition original