Dritter Vortrag

GA 166/1916-01-30/p010 ·1916-01-30 · original (original)
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Der frühere Direktor war mittlerweile selbst, selbstverständlich durch seine Einsicht in den guten Gang der Schulereignisse, Schuliinspektor geworden. Er war nun höchst erstaunt über die Anschauungen, die sein Nachfolger ihm da entwickelte gerade in der Schule, die er doch sehr gut kannte. Wie denn das sein könne? Und er sagte: Ja, der dritte Lehrer, der hat mir nie etwas anderes gesagt als: ich muß erst sehen, wie die Schüler sind, dann kann ich mir von Woche zu Woche ein Programmbilden, - da kann man ja gar nichts voraussehen! Das geht doch ganz unmöglich, daß man nicht irgend etwas voraussieht. - Da sagte der Direktor: Ja, aber sehen Sie doch, gewiß, ich habe auch meine Lehrer gefragt, wie sie denn den Unterschied machen in bezug auf das Voraussehen. Es sagten mir die ersten beiden Herren immer: ich weiß ganz genau, am 25. Februar des nächsten Jahres werde ich diese und jene Schulaufgabe geben, da kann ich ganz genau sagen, was da geschehen wird, und ich weiß ganz genau: zu Ostern werde ich dies oder jenes durchnehmen. Der andere Lehrer, der sagte mir: ich weiß nicht gerade, wie ich’s machen werde zu Ostern, ich weiß auch nicht, was ich im Februar für eine Schulaufgabe geben werde, ich werde mich nach dem richten, wie es das Schülermaterial ergibt. Und da meinte er auch, er könne in einer gewissen Weise voraussehen, daß die Sache gut werden würde. Ich bin eigentlich, sagte der neue Direktor, mit ihm ganz einverstanden. Man kann immer erst nachher sehen, daß das, was man sich vorgenommen hat, ganz gut ist, daß aus dem, wie man sich verhält zum vorigen Jahre, indem man die Schülerchäraktere des vorigen Jahres studiert, man sich größere Fähigkeiten aneignet, die neuen Schülercharaktere kennenzulernen. Ich sehe ein, daß man dadurch mehr erreicht. - Ja, aber man kann da doch nichts vorauswissen! Da bleibt ja alles im Unbestimmten. Wo bleibt dann die Vorausbestimmung für das ganze Schuljahr? meinte der vorige, der frühere Direktor, man kann doch da gar nichts voraussehen. Man muß aber doch irgend etwas voraussehen können, wenn man irgend etwas vernünftig einrichten will. - Ja, meinte der neue Direktor, man kann voraussehen, daß die Sache gut gehen werde, wenn man sich gewissermaßen mit dem Genius, der in dem Schülermaterial waltet, verbindet, und ein gewisses Vertrauen zu dem Genius hat, der in diesem Schülermaterial wirkt. Und wenn man dem Genius vertraut, dem gleichsam gelobt: man hält sich an ihn, - so wird man zwar nicht voraussagen können, was im Februar als Schulaufgabe gegeben wird, aber man wird voraussagen können, daß die richtige gegeben wird. - Ja, aber da kann man nichts bestimmt voraussehen, da bleibt alles im Unbestimmten, sagte der Schulinspektor.- Da sagte der Direktor: Ich habe früher, sehen Sie, Herr Schulinspektor, einmal so etwas getrieben, was die Leute Geisteswissenschaft nennen. Da habe ich mir noch gemerkt von daher, daß Wesen, die sogar über den Menschen hinaus sehr viel erhaben sind, in viel wichtigeren Angelegenheiten es auch so gemacht haben sollen: denn am Anfange in der Bibel heißt es zum Beispiel «Und Gott machte das Licht», und erst nachdem er das Licht gemacht hatte, steht da «Und dann sah er, daß es gut war». - Ja, da konnte der Inspektor darauf gar nichts mehr Rechtes sagen.

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Cite: GA 166/1916-01-30/p010 · edition original