Dritter Vortrag
Aber nehmen wir nun an, ein anderer Mensch, vielleicht ein jüngerer, jünger von mir angenommen aus dem Grunde, daß ich jetzt ausführen kann, was ich jetzt auszuführen habe, ohne daß Sie diesem jüngeren Menschen gleich die bittersten Vorwürfe machen über sein Gebaren. Also ein anderer, jüngerer Mensch, der noch so jung ist, daß er nicht deshalb, weil er das tut, gleich ein Faulenzer ist, der faßt die Idee, jeden Morgen mitzugehen und den Landbriefträger auf seinen Wegen zu begleiten. Das führt er auch aus. Er steht ordentlich auf jeden Morgen, schließt sich dem Landbriefträger an, macht alle einzelnen Handlungen mit und geht dann wiederum zurück, macht das eine gewisse Zeit hindurch. Es ist gar kein Zweifel, daß wir bei dem letzteren nicht in demselben Sinne von Notwendigkeit sprechen können wie bei dem ersteren. Denn alles dasjenige, was durch den ersten Menschen geschieht, muß notwendigerweise geschehen. Nichts, was durch den letzteren Menschen geschieht, müßte eigentlich geschehen. Er könnte jeden Tag wegbleiben, könnte man sagen, und es würde genau das Gleiche geschehen in einem gewissen objektiven Zusammenhange drinnen. Es ist Ja ganz klar, nicht wahr? So daß wir sagen können: Der erste tut alles aus Notwendigkeit, der letztere tut alles aus Freiheit. Das kann man ganz gut sagen, und dennoch, in einem gewissen Sinne tun sie beide dasselbe. Ja, man könnte sich sogar die folgende Vorstellung bilden. Man könnte sagen, dieser zweite Mensch sieht einmal einen Morgen herankommen, an dem er nicht aufstehen will. Er könnte es ja unterlassen, aber er tut es nun doch, weil er’s einmal gewohnt ist. Er tut, was er aus Freiheit tut, mit einer gewissen Notwendigkeit. Wir sehen Freiheit und Notwendigkeit förmlich zusammenfließen.
Cite:
GA 166/1916-01-30/p034 · edition original