Fünfter Vortrag
Vom Einschlafen bis zum Aufwachen ist dieses Ich nicht vorhanden, kann der Mensch zu sich nicht «ich» sagen. Wenn er träumt von seinem Ich, kommt es ihm zuweilen sogar vor, wie wenn er sich im Bilde selbst entgegentreten würde, das heißt, er schaut sich an. Er sagt nicht so «ich» zu seinem Ich, wie er das im gewöhnlichen Tagesleben sagt. Wenn wir aufwachen, so ist es wirklich mit unserem wahren Ich so, als ob wir stoßen würden an die Festigkeit unseres physischen Leibes. Wir wissen ja, der Vorgang des Aufwachens besteht darin, daß wir mit unserem Ich, ebenso wie mit unserem Astralleib - aber jetzt interessiert uns zunächst das Ich - untertauchen in unseren physischen Leib hinein. Dieses Untertauchen spüren wir geradeso, wie wir es spüren, wenn wir mit der Hand an einen festen Gegenstand stoßen, und dieses Untertauchen, das uns gleichsam einen Gegenstoß gibt vom physischen Leib, das macht das Bewußtsein des Ich aus. Und den ganzen Tag, wenn wir wachen, haben wir wirklich nicht unser Ich, sondern wir haben die Vorstellung unseres Ich, die wie ein Spiegelbild am physischen Leib entsteht. Also dasjenige, was man von dem Ich gewöhnlich in der Philosophie hat, das ist das Spiegelbild des Ich. Ja, haben wir sonst nichts als dieses Spiegelbild des Ich? Nun, dieses Spiegelbild hört mit dem Einschlafen auf, das ist ja ganz klar. Da spiegelt sich das Ich nicht mehr. Nach dem Einschlafen würde also unser Ich wirklich verschwinden. Morgens aber, wenn wir aufwachen, zieht es wieder in den physischen Leib ein. Es ist also dagewesen.
Cite:
GA 166/1916-02-08/p006 · edition original