Fünfter Vortrag
Wenn noch eine lange Zeit weiter vorübergegangen sein wird, dann wird eine andere Zeit über die Menschheit kommen. Dann wird dem äußeren Anblick auf dem physischen Plan noch mehr weggenommen worden sein, und dem inneren wird auch noch mehr weggenommen worden sein. Wir wissen ja, daß wir heute erst ein paar Jahrhunderte in der fünften nachatlantischen Periode stehen, vom 14. Jahrhundert ab -, denn wir zählen die vierte nachatlantische Periode ungefähr seit der Gründung Roms bis in das 15. Jahrhundert herein, die fünfte nachatlantische vom 15. Jahrhundert bis eben wiederum so lange, also daß wir jetzt eigentlich erst im ersten Drittel der fünften nachatlantischen Periode drinnen sind. Aber die Menschheit steuert zu einer ganz anderen Art des Wahrnehmens. Sie steuert zu einer viel größeren Ödheit und Leerheit in der äußeren Welt. Heute sieht der Mensch, indem er über die Natur hinblickt, noch so auf diese Natur hin, daß er ihr glaubt, sie sei grün, oder daß er dem Himmelsgewölbe glaubt, es sei blau. Er sieht so hin über die Natur, daß er ihr ihre Farben durch einen natürlichen Vorgang glaubt. In der sechsten nachatlantischen Periode wird er ihr ihre Farben nicht mehr glauben können! Heute sprechen nur die Physiker davon, daß außer uns ja nur Schwingungen vorhanden sind, und die Schwingungen rufen in uns das Rot hervor. Das, wovon heute die Physiker träumen, das wird Wahrheit werden. Heute ist es der Traum der Physiker; dann wird es Wahrheit werden. Die Menschen werden nicht mehr richtig unterscheiden können zwischen einem mehr oder wenig geröteten oder einem mehr oder weniger blassen Gesicht. Das werden sie wissen, daß das alles durch ihre eigene Organisation hervorgerufen wird. Sie werden es für einen Aberglauben halten, daß Farben draußen seien und die Gegenstände tingieren. Grau in grau, möchte man sagen, wird die äußere Welt sein, und der Mensch wird sich bewußt sein, daß er selber die Farben hineinträgt in die Welt. So wie heute die Menschen sagen: Ach, ihr verdrehten Anthroposophen, ihr redet davon, daß ein ätherischer Leib vorhanden ist, das ist aber nicht wahr, den träumt ihr nur in Dinge hinein! - so werden später diejenigen, die nun bloß die äußere Wirklichkeit sehen, zu den anderen sagen, die noch Farben in voller Frische sehen: Ach, ihr Träumer, ihr glaubt, daß draußen in der Natur Farben vorhanden sind? Ihr wißt nicht, daß ihr selber aus eurem Innern heraus diese Farben nur in die Natur hineinträumt. - Immer mehr wird die äußere Natur mathematisiert, immer mehr geometrisiert werden. So wie wir heute nur noch reden können vom ätherischen Leib und wie man uns in der Außenwelt nicht glaubt, daß er vorhanden ist, so wird man in der Zukunft nicht glauben, daß die Möglichkeit, Farben zu sehen, in der äußeren Welt irgendeine objektive Bedeutung hat, sondern man wird ihr nur eine subjektive Bedeutung zuschreiben.
Cite:
GA 166/1916-02-08/p015 · edition original