{"corpus":"steiner","locus":"GA 166/1916-02-08/p021","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Solch ein Aufwachen, aber nicht recht wissen, was er damit anfangen sollte, war Schopenhauers Philosophieren. Das erregte Anstoß bei denjenigen, die ganz im heutigen Sinne scharfsinnig philosophieren, wie der ausgezeichnete Philosoph Bolzano in Böhmen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wenn man sein Exemplar von Schopenhauer nimmt, sieht man, wie er an den Rand geschrieben hat: «Der reine Wahnsinn!» Natürlich mußte ihm das so als der reine Wahnsinn vorkommen, weil es wirklich wie aus einer Art Delirium konstatiert ist: Da lebt etwas wie Wille draußen in der Natur. - Und wo diese moderne Naturwissenschaft ganz und gar sich treu bleibt, wo sie gewissermaßen ihre Konsequenzen zieht, wohin wird sie denn da gelangen? Nun, sie wird dazu gelangen, bloß über den physischen Leib zu träumen. Daß hinter diesem physischen Leib noch etwas steckt, davon ahnt sie nichts, sonst würde sie von einem Ätherleib sprechen müssen, von einem Astralleib, von einem Ich. Aber sie will nicht das Reale erfassen, sie will nur das, was sich darbietet, erfassen. Der heutige Physiker oder Physiologe kommt sich wirklich vor wie ein Nachtwandler. Er träumt, und wenn man ihn anschreit - und das Anschreien geschieht in diesem Falle dann, wenn man ihm von Geisteswissenschaft sagt -, da plumpst er hin wie der Nachtwandler, der hinplumpst, wenn man ihn anschreit. Da plumpst er hin und ist der Meinung: Jetzt bin ich in dem Nichts darinnen! - Er kann zunächst nicht anders, er muß beim Träumen bleiben. Gerade wenn er glaubt, am wachsten zu sein gegenüber der äußeren Natur, bleibt er am allermeisten beim Träumen. Was wird denn daraus entstehen? Daraus wird entstehen, daß er allmählich jede Möglichkeit verliert, etwas anderes in der Außenwelt zu finden als das, was er von ihr vorstellen kann. Er verliert allmählich die Möglichkeit, auch bei dem, was hinter dem liegt, was er über die Außenwelt vorstellen kann, sich noch etwas vorstellen zu können. Was bleibt ihm denn auch, wenn er den Menschenleib dem Naturforscher überläßt? Er hat den Menschen vor sich. Den sieht er sehr genau, oder er läßt sich von dem Naturforscher oder auf den Kliniken sagen, was für Veränderungen auftreten, wenn dies oder jenes nicht normal geht im Leben. Diesen physischen Leib zergliedert er sehr genau. Aber dabei bleibt er stehen, und gar keine Ahnung hat er, daß dahinter etwas ist. In diesem physischen Leib ist gar nichts vom Ich, vom Willen drinnen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Fünfter Vortrag","site_heading":null,"date":"1916-02-08","location":null,"word_count":394,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/166/1916-02-08/p021","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/166/1916-02-08/p021"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/166/1916-02-08/p021","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}