Fünfter Vortrag
Es ist auch ganz natürlich: träumt man nur über die äußere Natur, dann tritt uns auf der einen Seite ein Mensch entgegen, der Wohltaten austeilt, auf der anderen Seite ein anderer, der die Menschen durchprügelt für nichts und wieder nichts. So, wie die eine Blume schön ist aus Naturgesetz heraus, die andere Blume häßlich, so ist der eine Mensch ein guter Mensch, wie man sagt. Aber das Gute soll ja nicht anders gedeutet werden, als daß es etwas bedeutet wie die Schönheit bei der Blume, und das Häßliche soll nichts anderes bedeuten als das Häßliche bei einer Blume. Also ganz konsequent: «Man könnte also dem Menschen eine schlechte Handlung ebensowenig als Schuld zurechnen wie einer Blume ihre Häßlichkeit. Die Handlung bleibt deshalb - auch psychologisch schlecht, aber sie ist zunächst keine Schuld. Der Begriff der Schuld und der Verantwortlichkeit ist - um den Gegensatz kurz zu bezeichnen - ein religiöser oder sozialer.» Also kein irgendwie erkennender, sondern ein religiöser oder sozialer. - «Wir können daher hier von demselben absehen. Die Psychologie, um es zu wiederholen, leugnet ästhetische und ethische absolute Gesetze nicht, wofern sie ihr von anderer Seite nachgewiesen werden, sie selbst, in ihrer empirischen Beschränkung, kann nur empirische Gesetze finden.»
Cite:
GA 166/1916-02-08/p027 · edition original