Das geistig-seelische Wesen des Menschen
Sehen Sie, auf diesem Gebiete ist es, ich möchte sagen, besonders schwierig, der Gegenwart richtige Begriffe zu geben, aus Gründen, die ja auch schon öfter dargelegt worden sind. Die Gegenwart arbeitet gerade mit den verkehrtesten Begriffen auf diesem Gebiete. Wenn ein Mensch durch die Geburt ins physische Dasein tritt, so tritt er ja mit gewissen Eigenschaften in dieses physische Dasein. Die Gegenwart bestrebt sich, bloß von Vererbung zu sprechen, und meint die physische Vererbung, und man spricht so von dieser physischen Vererbung, daß man sagt: Ein Mensch zeigt diese oder jene Eigenschaften, man muß also diese oder jene Eigenschaften bei den Vorfahren suchen. Es gibt zum Beispiel heute ein sehr fleißig gearbeitetes Buch über Goethe, worinnen Goethes Eigenschaften so dargestellt werden, daß, soweit man nur hinaufgehen kann, man das eine, was er hatte, sucht bei diesen Vorfahren, das andere bei jenen Vorfahren, bei einer Ur-Urgroßmutter das, bei einem Ur-Urgroßvater jenes, und so habe sich alles vererbt. — Ich habe schon öfter gesagt: Eine Weisheit ist das, die man bildlich veranschaulichen kann dadurch, daß man zeigt, wie billig sie eben zu haben ist. Denn es ist nicht gescheiter, zu sagen, daß das Kind die Eigenschaften der Eltern hat, als zu sagen, daß ein Mensch naß ist, wenn er ins Wasser gefallen ist und herausgezogen wird. Er hat das Wasser selbstverständlich an sich, wenn er herausgezogen wird. So hat er die Eigenschaften seiner Vorfahren an sich, weil er durch sie seine Seele durchgeleitet hat. Es ist keine größere Weisheit darinnen. Und so auf Ursachen zurückzuschließen, das für logisch zu erklären, ist nun schließlich das Allerunlogischste, das man nur irgendwie machen kann: Man will beweisen, daß sich die seelisch-geistigen Eigenschaften vererben, indem man zeigt, ein Genie wie Goethe habe die gleichen Eigenschaften, wie seine Vorfahren sie gehabt haben. Aber, wie gesagt, das ist nicht gescheiter als die Behauptung, daß ein Mensch naß ist, wenn er ins Wasser gefallen ist. Beweisen, daß das Genie und die genialischen Eigenschaften mit der Vererbung etwas zu tun haben, würde man, wenn man die Nachkommen des Genies aufweisen und an ihnen zeigen würde, wie sich die Eigenschaften des Genies auf die Nachkommen vererbt haben. Das würde ein Beweis sein. Das wird man aber wohl bleiben lassen. Man wird zum Beispiel nicht gerade darauf ausgehen, zu zeigen, wie sich in Goethes Sohn die genialischen Eigenschaften seines Vaters vererbt haben, nicht wahr? Gewiß, manchmal kann es ja vorkommen, daß man wie mit Fingern auf solche Dinge hindeutet. Es gibt da in der europäischen Welt gegenwärtig einen Staatsmann, der der Sohn eines Vaters ist, der auch ein Staatsmann war. Da kann man sagen, da haben sich die genialischen Eigenschaften des Staatsmannes vom Vater auf den Sohn vererbt. Aber es könnte die Lösung auch darinnen bestehen, daß sie alle beide keine Genies waren!
Cite:
GA 167/1916-03-07/p014 · edition original